Wird Hummler zur Hypothek für die NZZ?
Konrad Hummler. (Keystone)
Von Philip Meyer
Die Neue Zürcher Zeitung ist für eines nicht bekannt: für aufgeregten Journalismus. Doch die heutige Berichterstattung und die zurückhaltende Kommentierung zur Klage gegen die Bank Wegelin sorgte bei einigen Lesern für Stirnrunzeln.
Für Peter Studer stellen sich Fragen
Beispielsweise beim ehemaligen Chefredaktor des Schweizer Fernsehens und des «Tages-Anzeigers», Peter Studer. Er vergleicht als Medienrechtler und -ethiker die Berichterstattung genau: Einerseits schreibe die NZZ, Wegelin habe dumme Fehler gemacht, andererseits könne man im gleichen Blatt auch lesen, dass die zweifelhaften Einlagen «nur fünf Prozent» der gesamthaft verwalteten Gelder ausgemacht hätten. «Da melden sich einfach Fragezeichen», so Studer gegenüber Schweizer Radio DRS.
Bei der Lektüre kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, die Bank Wegelin sei nur ein kleiner Fisch im grossen Haifischbecken. Und wie schon einmal in den letzten Wochen macht die NZZ den eigentlichen Täter woanders aus: Die USA, die die Schweiz als Geisel genommen hätten.
Nimmt Hummler Einfluss auf die Berichterstattung?
Konrad Hummler ist Verwaltungsratspräsident der NZZ. Der Wegelin-Chef ging lange Zeit auf der Redaktion ein und aus. Nimmt Hummler hier Einfluss auf die Berichterstattung - oder fühlt sich die Zeitung verpflichtet, die Bank ihres Präsidenten zu schützen?
Der Publizist Karl Lüönd stellt das in Abrede: «Das ist nicht erkennbar in der bisherigen Berichterstattung und Kommentierung», so Lüönd. Dazu seien die Kollegen bei der NZZ auch viel zu integer, eine Einflussnahme Hummlers würden sie sich nicht bieten lassen.
NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann wollte sich nicht auf Band äussern. Er betonte aber am Telefon, die Redaktion sei unabhängig in Berichterstattung und Kommentierung.
Honegger vor elf Jahren in einer ähnlichen Situation
Doch Hummler ist nicht der erste Verwaltungsratspräsident der «Neuen Zürcher Zeitung», der die Diskussion über die Unabhängigkeit der NZZ auslöst.
2001 war Eric Honegger Präsident der NZZ - und gleichzeitig Präsident der SAir-Group. Noch am Tiefpunkt der Swissair-Krise hat die NZZ im März 2001 ein ganzseitiges Interview mit Honegger veröffentlicht. Darin durfte sich Honegger unwidersprochen optimistisch über die Zukunft der Swissair äussern. Das habe dem Renommée der NZZ natürlich geschadet, erinnert sich Medienbeobachter Studer. Und er fragt sich: «Wie geht das nun weiter mit Herrn Hummler?»
Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit
Eine angeklagte Bank ist zwar keine abgestürzte Airline. Aber wenn die NZZ in Verdacht gerät, die Bank Wegelin zu schützen, könnte sie ihre wichtigste Währung verlieren: die Glaubwürdigkeit.
Karl Lüönd, der den Abgang Hummlers als NZZ-Präsident bedauern würde, denkt, dass Hummler «über kurz oder lang zurücktreten» werde. Laut Lüönd habe Hummler möglicherweise nun Wichtigeres zu tun als die NZZ zu präsidieren.
Über Hummlers Mediensprecher teilte der Verwaltungsrat der NZZ mit, er überprüfe die Situation laufend - gemeinsam mit Konrad Hummler. (pet)
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