Bichsels Schaffen, Leben und Bedeutung
Peter Bichsel in der Genossenschaft Kreuz in Solothurn, Winter 2010. (Keystone)
«Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber zu benehmen, als kennte er mich.» Diesen berühmten Satz von Robert Walser hat Peter Bichsel in fetten Lettern an die Wand seines mit vielen Erinnerungsfotos und Plakaten geschmückten Arbeitszimmers in der Solothurner Altstadt gepinnt.
Accessoires und gewahrte Geheimnisse
Und diesen Satz gilt es gerade auch gegenüber einem Autor zu respektieren, den doch alle zu kennen meinen: Kaum ein lebender Schweizer Schriftsteller ist scheinbar bekannter als Peter Bichsel. Mit seinen Accessoires, den grossen runden Brillengläsern und den verschmitzt-melancholischen Augen dahinter, mit dem schwarzen Gilet und der Schirmmütze, mit seiner warmen Stimme, seinem nachdenklich-zögernden Formulieren.
Doch wer ist er wirklich? Seit mehr als 45 Jahren in der Öffentlichkeit präsent, als erfolgreicher Erzähler, als eigenwilliger politischer Denker und als leidenschaftlicher Leser, hat Peter Bichsel es geschafft, «nicht auf sich selbst hereinzufallen», wie er selbst einmal gesagt hat, sondern allen gegenüber und zumal gegenüber der gefrässigen Medien-Öffentlichkeit sein Geheimnis, seine Privatheit zu wahren. (Hans Ulrich Probst)
Poetische Miniaturen und scharfe Kolumnen
Peter Bichsel wurde am 24. März 1935 als Sohn eines Handwerkers in Luzern geboren und ist in Olten aufgewachsen. Nach seiner Ausbildung zum Primarlehrer sorgte er 1964 mit dem Geschichtenband «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» für Aufsehen über die Schweizer Literaturszene hinaus. Die Kürzestgeschichten über den Kleinbürgeralltag wurden als poetische Miniaturen gefeiert und sicherten Bichsel einen festen Platz in der hiesigen Schriftstellergarde.
Nebst seiner Prosa und Kurzgeschichten begann Bichsel in den 1970er-Jahren, als Kolumnist für die Presse zu schreiben – eine Arbeit, die ihn als feinen Beobachter und zuweilen scharfen Kritiker des Zeitgeschehens zeigt. 1970 trat er zusammen mit 21 weiteren bekannten Autoren aus dem als reaktionär empfundenen Schweizerischen Schriftstellerverband aus und begründete die Gruppe Olten mit. Von 1974 bis 1981 war er persönlicher Berater des Bundesrates Willi Ritschard. (gec)
Politisch Lied ist kein garstig Lied
Max Frisch beschrieb das Verhältnis von Politik und Literatur folgendermassen: Der Politiker glaube Realist zu sein, der Schriftsteller Poet. Dies schloss aber nicht aus, dass Peter Bichsel sich, im Gegensatz etwa zu Frisch, der diesbezüglich viel grössere Berührungsängste hatte, durchaus auf die Realpolitik einliess. Bichsel war langjähriger Berater und Redenschreiber von Bundesrat Willi Ritschard (1918-1983). Er war sich auch nicht zu schade, in verschiedenen Funktionen an der sozialdemokratischen Parteibasis mitzuarbeiten.
Durch dieses direkte politische Engagement unterschied sich Bichsel von seinen Kollegen Frisch und Dürrenmatt. Diese mieden die politische Praxis in der Aktion und begnügten sich mit dem Status des kritischen Beobachters ihres Landes. Während Frisch Initiativen wie «Für eine Schweiz ohne Armee» ideell unterstützte, war Friedrich Dürrenmatt auch gegenüber seinen berühmten Kollegen ziemlich reserviert.
Noch in den achtziger Jahren stand jedoch auch ein Peter Bichsel im Verein mit Literaten wie Adolph Muschg, Hugo Loetscher und Urs Widmer im Schatten der schon zu Lebzeiten in die Weltliteratur eingemeindeten Dioskuren Frisch und Dürrenmatt. (Heinrich Vogler)
