«Kleiner Fontane»: Autorin Alice Berend
Alice Berend, Porträt von Lovis Corinth 1924.
Alice Berend kam 1875 in Berlin zur Welt und wuchs in einem begüterten Haus auf, allerdings stets ein wenig im Schatten der jüngeren und hübscheren Schwester Charlotte. Die Beziehung zwischen den beiden blieb lebenslang problematisch.
Im Jahr 1900 verlor der Vater durch Fehlspekulationen sein ganzes Vermögen und brachte sich um. Mutter und Töchter mussten in eine bescheidene, kleine Wohnung umziehen und den Gürtel enger schnallen.
Die beiden jungen Frauen waren künstlerisch ambitioniert. Charlotte studierte Malerei beim berühmten Lovis Corinth. An ihm als Ehemann waren beide Schwestern interessiert. Charlotte erhielt ihn 1904. Alice heiratete im selben Jahr den wenig erfolgreichen schwedischen Schriftsteller John Jönsson, von dem sie sich später wieder trennte.
Kleines Buch, grosse Karriere
Sie begann zu schreiben, und zwar zunächst journalistisch. Einige Artikel für das «Berliner Tageblatt» über das Theaterleben brachte sie in Künstlerkreise und in die Szene des damals noch jungen Kabaretts. Sie steuerte Texte zu Programmen bei und trat auch selber auf.
1912 erschien im Fischer Verlag ihr erster Roman und wurde zum grossen Überraschungserfolg: «Die Reise des Herrn Sebastian Wenzel». Das kleine Buch erreichte die für damalige Zeiten enorme Auflage von 200 000 Exemplaren und bildete den Beginn einer erfolgreichen Karriere.
Heitere Romane, tragisches Ende
Bis in die dreissiger Jahre war Alice Berend berühmt. Man verschlang ihre süffig geschriebenen, heiteren Romane. Sie enthielten glänzende Milieuschilderungen und satirische Porträts, die die Realität des Berliner Bürgertums treffend abbildeten, so dass die Autorin als «kleiner Fontane» bezeichnet wurde.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden ihre Bücher auf die «Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums» gesetzt; die Berends waren Juden. Ihr zweiter, nicht jüdischer Ehemann Hans Breinlinger liess sich von ihr scheiden, um seine Karriere als Kunstmaler nicht zu gefährden.
Breinlinger erhielt vom Scheidungsgericht das ganze von Alice Berend erwirtschaftete Vermögen zugesprochen. Verarmt starb die Schriftstellerin 1938 in Florenz.
Claude Pierre Salmony, Hörspielredaktion DRS 2
