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Hugo Loetscher über Kultur am Radio

(Keystone)

Am 14. April 2003, in seinem Heim an der Storchengasse in Zürich, gab Hugo Loetscher Auskunft über die Bedeutung der Kultur am Radio; das Interview erschien im Buch «Kultur bei Schweizer Radio DRS». Das Gespräch führte Thomas Weibel.

Schweizer Radio DRS: Radio-Information ist über weite Strecken geprägt von Politik und Wirtschaft, von Unglück und Krieg. Was kann da Kulturberichterstattung überhaupt ausrichten?

Hugo Loetscher: (lange Pause) Ich kann mir Radio ohne Kulturberichterstattung gar nicht vorstellen. Sehr positiv werte ich den hohen Stellenwert, den die Kulturberichterstattung hat, etwa mit der Sendung DRS2aktuell am Mittag, die ich regelmässig höre. Um Mitternacht ausgestrahlte Kulturberichte, zu «elitärer» Stunde sozusagen, wären doch völlig nutzlos. Diese eine halbe Stunde am Mittag ist mir ungemein wichtig.

Als Autor, als Journalist, als Vortragsredner und Dozent vermitteln Sie Kultur. Radio tut dasselbe - mit Sendungen, mit Gesprächen, mit Musik. Sie versuchen, Kultur fassbar, fühlbar, erlebbar zu machen - was ist das Sinnliche am Medium Radio?

Jede Vermittlung ist auf eine merkwürdige Art eine Reduktion. Sprache etwa ist eine Reduktion auf Sprache - alles Sinnliche muss in Sprache übersetzt werden -, Fotografie und Fernsehen sind eine Reduktion aufs Bild, das ohne Worte unter Umständen nichtssagend oder gar falsch wäre, und Radio ist eben die Reduktion auf Sprache, Musik, auf das Hören. Nun ist ja Hören nicht einfach das Aufnehmen von Sprache, sondern immer auch eine Frage der Tonart - nicht der Gestik! -, und dadurch, dass ich als Hörer nichts mit dem vermittelten Inhalt Zusammenhängendes sehe, ist es meine anspruchsvolle Aufgabe, hinzuhören und mitzudenken. Und diese Reduktion auf das Gesprochene bringt mit sich, dass die Radioschaffenden einen eigenen Stil entwickelt haben. Ein Beispiel: Als ich selbst noch Bücher am Radio besprochen habe, haben mich jene Kollegen gestört, die einfach einen Aufsatz schrieben, der dann am Radio verlesen wurde. Ich dagegen habe fürs Radio immer eigene Besprechungen erstellt. Denn wenn ich etwas nur höre, ist das etwas ganz anderes, als wenn ich etwas lese. Dieser radiospezifische Stil, der mich stark interessiert, hat viel mit Qualität, mit Wirkung, mit Effizienz zu tun.

Können Sie Ihren Radioapparat, ohne hinzusehen, beschreiben?

Das ist schwierig. Ich besitze schon mal zwei Empfangsgeräte ... (denkt nach) ... einen neben dem Bett - nein, diesen Apparat könnte ich nicht beschreiben. Ein Radio halt. Das andere aber kann ich beschreiben, aus einem ganz bestimmten Grund: Vor Zeiten besass ich ein Radio mit Grammophon - man denke: Grammophon! -, das eines Tages einfach nicht mehr funktionierte. Also betrat ich ein Geschäft, um ein Neues zu kaufen. Darauf fragte der junge Verkäufer: Was genau suchen Sie? - Ein Radiogerät. - Verzeihen Sie, was genau? Meinen Sie ein Kompaktgerät? - Was heisst kompakt? Ich arbeite doch gelegentlich noch fürs Radio und nicht für Kompakt. Ja, eben ein Radio, am besten mit integriertem Grammophon. - Grammophon, was ist denn das? - Kurz: Ich kam mir ziemlich herablassend behandelt vor, und schliesslich ergänzte ich: Wissen Sie: Wenn man an den Knöpfen dreht, gibt's Musik. Darauf der junge Mann: Aha. Sie drehen noch. (lacht) Kurz und gut: Ich besitze ein Kompaktgerät und kein Radio mehr. Und nun fragen Sie mich ja nicht nach der Marke...

Lieben Sie Musik?

Ehrlich: Ich liebe Musik. Menschen, die viel mit Musik zu tun haben, erkläre ich oft, ich verstünde nichts davon. Damit meine ich: Ich bin eher ein Augenmensch - über bildende Kunst, Fotografie kann ich sprechen, reflektieren, dazu fällt mir etwas ein. Über Musik könnte ich das nicht. Aber ich liebe sie.

Kultur hat gleichsam ihren eigenen Vermittlungsauftrag, und sie definiert ihn eigenständig und immer wieder neu. Hat Kultur Radio überhaupt nötig?

Ja, sogar sehr! Nur könnte ich mir auch ein Radio vorstellen, das seine Hörer von der Oper in die Rockmusik entführt, von der Plauderei ins literarische Gespräch. Es ist ja so, dass sich in den letzten Jahrzehnten der Kulturbegriff stark ausgeweitet hat. Das finde ich positiv, selbst wenn durchaus auch die Gefahr der Beliebigkeit besteht. Denn über den Sinn von Kulturförderung, die auch etwa die Unterstützung eines Wellnesszentrums meint, kann man sich in guten Treuen streiten. Trotzdem: Ich könnte mir gar nicht vorstellen, dass es ein Radio geben kann ohne Kultursendungen. Kultur in einem Medium, das ich jeden Tag nutze, ist ganz wesentlich. Nur gehören zu dieser Kultur dann genauso Informationen über andere Religionen oder Sendungen über in der Schweiz lebende Fremde und nicht nur Programme mit Literatur und Kunst.

Radio ist ein hoch emotionales Medium, Radio sucht die Nähe zu seinem Publikum, auch inhaltlich und geografisch. Ist Radio provinziell?

Ich habe gerade einen Essay über die Schweiz verfasst. Am Schluss handelt er von Kollegen, die dieses Land für zu eng, zu klein halten und das grosse, wahre Leben ausserhalb sehen. Mein Schlusssatz lautet: «Provinz ist nicht eine Gegebenheit, sondern eine Entscheidung». Provinz gibt's nicht von vornherein. Es kommt darauf an, wie ich mich entscheide, was ich an diesem Ort und von diesem Ort aus tue. Kleinheit ist nicht einfach Provinz. Wenn Lokalradios darüber informieren, was sich in meiner Nachbarschaft tut, ist das noch lange kein Zeichen der Provinzialisierung. Es ist vielmehr Zeichen einer Teilung von Information - in eine globale, darüber, was in der Welt los ist, und in eine lokale, überblickbare. Mich stört höchstens, wenn dieses Überblickbare ideologisiert wird. Es geht doch darum, beides aufzunehmen. Genau wie es für die Schweiz mit Blick auf Europa darum gehen muss, dass dieses Land ein Land unter anderen wird, um dann unter anderen ein Land sein zu können. Diese Dialektik interessiert mich. Und sie hat nichts, gar nichts mit Provinzialität zu tun.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Wie könnte ihn Schweizer Radio DRS erfüllen?

Oh. (denkt lange nach) Es sieht fast so aus, als wäre ich mit allem glücklich... Nein, im Ernst: Ich würde mir wünschen, dass die bisherige Kulturberichterstattung in den Programmen von Schweizer Radio DRS mindestens gehalten, wenn nicht sogar ausgebaut oder noch bewusster gepflegt wird. Ich will aber nicht einfach einer Hochkultur das Wort reden, selbst wenn ich es begrüsse, wenn sie auch Gegenstand von Sendungen sein kann. Aber darum allein kann es nicht gehen. Ich bin durchaus für eine gewisse Banalität von Kultur. Ich mag Kollegen nicht besonders, die beim Sprechen gleichsam den kleinen Finger abspreizen. Kultur soll Teil der Bildung von Menschen sein. Und in diesem umfassenden Sinn soll sie auch weiterhin vom Radio gewertet und gepflegt werden.

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