«Wir suchen nicht das perfekt produzierte Stück»
Regisseur Johannes Mayr und DRS 2-Hörspielleiterin Franziska Hirsbrunner. (Thomas Hägler)
Wie seid ihr darauf gekommen, eine Plattform für Klangkünstler zu schaffen?
Franziska Hirsbrunner: Uns wird sehr viel Material angeboten im Bereich Hörspiel, Performance und akustische Kunst. Leider haben wir keinen Platz, das alles auf dem Sender zu spielen. Unsere Idee war deshalb, eine Plattform, eine Art Experimentierfeld für Hörspielmacher oder akustische Künstler zu schaffen. Gleichzeitig wollten wir bei DRS 2 einen Sendeplatz einrichten, um solche Projekte einem grösseren Publikum vorzustellen.
Johannes Mayr: Früher galt: Entweder man macht Musik oder Hörspiel. Diese Grenzen verwischen sich zunehmend - vor allem auch, weil Produktionsmöglichkeiten günstiger geworden sind. Die Leute, die in diesem Grenzbereich der Klangkunst arbeiten, publizieren vor allem im Internet. Jedoch sind die Arbeiten meist schwer zu finden - da versuchen wir Abhilfe zu schaffen.
Franziska Hirsbrunner: «Das weisse Lauschen» ist auch eine Börse: Die Leute können auf ihre Ausstellungen und Konzerte hinweisen - wir aber auch auf unsere Neuigkeiten in diesem Bereich. Die Idee ist, dass wir aus dieser Plattform heraus auch öffentliche Veranstaltungen im Grenzbereich Klangkunst/Hörspiel produzieren können.
Was sind eure Erwartungen an die Beiträge, die bei euch hochgeladen werden?
Franziska Hirsbrunner: Grundsätzlich kann jeder seine Projekte hochladen. Die Klangkunstszene ist eine globale Szene - das Internet ist also ideal. Es soll nicht ein Schweizer Produkt bleiben. Wir denken international.
Johannes Mayr: Ich erwarte nicht nur fertige Kompositionen und fertige Hörspiele. Im Unterschied zu Myspace etc. kann das ruhig auch Rohmaterial sein. Zum Beispiel Field Recordings (Umgebungsgeräusche) aus dem Senegal. Das ist herzlich willkommen. Dieser Bereich ist sehr gross und wir wollen auch, dass sich Leute finden und beispielsweise ein Klangkünstler auf eine Aufnahme zurückgreift von jemandem, der vielleicht eine Aufnahme in der Wüste gemacht hat. Der Anschluss von Schweizer Radio DRS 2 an diese Szene ist zudem sehr interessant. Es gibt so viele akustische Arbeiten und es wäre schade, wenn die nicht im Radio laufen würden.
Franziska Hirsbrunner: Aufnahmegeräte sind heute günstig und sehr gut - perfekte Voraussetzungen. Ich kenne viele Leute, die Tonaufnahmen machen. Es fotografiert heute ja auch jeder. Das konnte man sich von zehn Jahren noch nicht vorstellen.
Wieso ist Tonaufnahmen zu machen noch nicht so populär wie Fotografieren?
Franziska Hirsbrunner: Bild und Ton kann man einfach nicht vergleichen. Schnell ein Video zu machen, ist einfacher als eine gute Tonaufnahme. Umgang mit Klang braucht immer auch einen gewissen Gestaltungswillen. Zum Beispiel beim Filmton - der funktioniert nicht ohne Sounddesign. Der Klang einer Autotür klingt fad ohne Bild. Sounddesigner verfremden das dann so, bis wir das Gefühl haben: Den Ton kennen wir.
Johannes Mayr: Die Wirklichkeit klingt leider nicht so interessant, wie wir es vom Film kennen. In der Realität ist alles viel verschwommener.
Wie wählt ihr die Beiträge von «Das weisse Lauschen» aus, die ins Radio kommen?
Franziska Hirsbrunner: Wir wollen die ganze Bandbreite zeigen und die Vorstellungen von Klangkunst auch etwas unterlaufen, also nicht nur die üblichen Verdächtigen präsentieren.
Johannes Mayr: Wir suchen nicht das perfekt produzierte Stück. Wir wollen auch Versuche honorieren, etwas Eigenständiges zu machen. Lieber jemanden holen, wo ich merke: Der versucht was Neues zu machen. Was uns von anderen Plattformen unterscheidet: Wir denken längerfristig. Wir sind wirklich an einer Zusammenarbeit interessiert. Man kann über www.dasweisselauschen.ch wirklich den Weg in das reguläre Hörspielprogramm finden.
Was fasziniert euch besonders an Tönen und Klängen?
Franziska Hirsbrunner: Ich merke, dass der Ton für mich omnipräsent ist - ich kann nicht ins Kino, ohne mit einem Ohr genau auf den Ton zu achten. Auch beim Reisen oder im Alltag bin ich fasziniert, was in der Aussenwelt akustisch passiert. Oft kann ich das auch gar nicht von meinen Musikinteressen unterscheiden. Geräusche können genau so aufregend sein wie Musik. Als Techno aufkam mit seinen ganzen Abwandlungen, war das für mich nicht neu, sondern irgendwie ganz «normal». Töne haben einen unglaublichen Einfluss auf Wohlbefinden, Gefühle und unsere Wahrnehmung. Wir haben zwar das Gefühl, es spiele keine Rolle - dabei spielt es für die Physis eine extreme Rolle, ob man an einer stark befahrenen Strasse steht oder auf einen grünen Wiese.
Johannes Mayr: Klänge sind eher mit dem Alltag verwoben, wirken subtiler und besetzen andere Räume. Das fasziniert mich. Was passiert, wenn ich koche, Radio höre, mein Kind schreit - wenn alles zusammenkommt. Was nehme ich wahr? Was blende ich aus? Mich interessiert es, das zu untersuchen, damit zu arbeiten.
