Iren Meier: Den Überblick behalten in Bern
Iren Meier: «Die Gewissheit, gerade bei etwas Aussergewöhnlichem dabei zu sein.» (SR DRS)
«Ich erinnere mich vor allem an diesen Ausnahmezustand, der da im Herbst '89 in einer politischen Redaktion wie unserer herrschte. Es ging ja Schlag auf Schlag in diesen wenigen Wochen.
An den Abend, in der die Nachricht vom Mauerfall kam, kann ich mich hingegen nicht mehr erinnern. Mein erstes Bild stammt erst vom nächsten Tag, einem Freitag. Im Studio herrschte helle Aufregung: Alle standen in den Fluren, diskutierten, Konfusion machte sich breit. Zeit, uns inhaltlich auszutauschen, hatten wir da eigentlich nicht. Es ging mehr darum, alles zu organisieren - Leute nach Berlin zu schicken und zu klären, wer welche Sendung macht.
Ich ging dann in der darauffolgenden Woche am Montag nach Berlin, um dort die anderen beiden Kollegen abzulösen. Die Erinnerungen an die ersten Tage sind eher seltsam. Da sind viele Sinneseindrücke, sehr viele Stimmungen - das Wetter, Gerüche, das Licht. Interessanterweise ist es aber ein Stummfilm. Ich habe extrem viele Bilder vor Augen, aber fast keine Worte oder Gespräche.
«Ich staunte»
Und ich erinnere mich auch noch daran, in welcher konfusen Stimmung ich selber war. Ich konnte eigentlich gar nichts damit anfangen, was da gerade passierte. Ich staunte.
Ich habe eigentlich weniger Erinnerungen an jubelnde oder ausgelassene Menschen, sondern eher an eine gewisse Nachdenklichkeit. Auf dem Alexanderplatz in Berlin habe ich eine Schauspielerin getroffen, die mir in einem langen Gespräch von ihren Vorstellungen von der DDR erzählte: Wie dieses Land sich reformieren und die Menschen die Dinge selber in die Hand nehmen könnten. Das hat mich sehr beeindruckt.
Danach bin ich nach Leipzig gefahren, und dort war die Stimmung nochmals ganz anders. Sehr viel nachdenklicher und ruhiger als in Berlin. Dort habe ich mit vielen Menschen gesprochen, und zwei Begegnungen sind mir noch sehr stark präsent. Eine war die mit einem jungen Ehepaar, Pfarrersleuten, die in einem alten Haus in Leipzig wohnten. Draussen war Vorweihnachtszeit, es war kalt – und drinnen, bei den Leuten, war es warm, es gab Tee, das weiss ich noch.
Im Gespräch mit dieser Familie wurde mir dann klar, wofür eigentlich die DDR-Bürgerrechtsbewegung kämpfte. Die haben viel über Ökologie gespochen, über Umweltpolitik und Bitterfeld. Und auch diese Familie hat sehr oft davon gesprochen, wie dieser Staat jetzt reformiert werden könnte. Das Wort «Einheit» wurde da allerdings noch nicht einmal gedacht – auch von mir nicht.
«So viele verschiedene Erwartungen»
Die zweite Begegnung war dann ganz anderer Art – mit einem Ehepaar, das ich in der Kirche getroffen hatte. Die wohnten in Rochlitz, einer Stadt in der Nähe von Leipzig, und das war das Gegenprogramm zu den Pfarrersleuten in Leipzig. Das waren Rentner, die schon ein paar Mal im Westen gewesen waren. Die hatten sich in einer Plattenbauwohnung ein Westdeutschland en miniature geschaffen. In diesem Wohnzimmer konnte ich kaum atmen. Das war voll mit Kitsch aus Nürnberg vom Christkindlmarkt - wirklich das Gegenprogramm zu dem Pfarrerspaar aus Leipzig.
Mir wurde in diesen beiden Begegnungen aber klar, wieviele unterschiedliche Ideale, Erwartungen, Ansprüche und Entwürfe es gab.
In diesen Tagen in Berlin und Leipzig habe ich einerseits die Erleichterung und die Freude der Menschen gespürt, andererseits aber auch eine gewisse Verwirrung – die ich selber ja auch empfunden habe.
Ich habe damals mehr von einem Moment zum nächsten funktioniert und vor allem durch Gespräche versucht herauszufinden, was eigentlich gerade geschieht. Die historische Dimension des Mauerfalls, die konnte ich nicht begreifen. Aber dass es etwas Überwätigendes war, das war mir klar.» (ank)
