Peter Gysling: Bochum statt Berlin
Peter Gysling: War 1989 Deutschlandkorrespondent, am 9. November aber beim Russischkurs in Bochum. (SR DRS)
«Ich war bis 1990 Deutschlandkorrespondent von Schweizer Radio DRS in Bonn und damit auch für die DDR zuständig. Allerdings war es für uns Berichterstatter immer recht schwierig, uns in der DDR zu bewegen.
Eine Möglichkeit war die Leipziger Messe. Ich war im September 1989 dort an dieser Messe – und da habe ich zum ersten Mal auch den Gottesdienst in der Nikolaikirche besucht und die Montagsdemonstration. Und mir ist es dann gelungen, in einer sehr beengten Situation zwischen all den Leuten und viel Volkspolizei mit meinem Tonbandgerät dieses eindrückliche «Wir wollen raus» aufzunehmen.
Historischer Ton - für den Papierkorb
Ich habe es dann sogar geschafft, den Gürtel aus Volkspolizisten zu durchbrechen und diesen Ton nach Bern zu übermitteln. Das hatte man bei uns zu diesem Zeitpunkt ja überhaupt noch nie gehört! Ich war also entsprechend stolz, Zeuge dieses Ereignisses geworden zu sein – musste allerdings im Nachhinein feststellen, dass der damalige Dienstleiter dieses fast historische Tondokument nie gesendet hatte. In Bern hatte man schlicht befunden, die Tonqualität sei zu schlecht. Ich war natürlich sehr frustriert, der damalige Dienstleiter im Nachhinein aber auch.
Den 9. November habe ich dann anders erlebt, als man es vom damaligen Deutschland-Korrespondenten erwarten würde. Ich bereitete mich gerade auf meine nächste Korrespondentenstation in Moskau vor, wo ich ab 1990 arbeiten sollte. Ich lernte Russisch in Bochum.
Zuschauer beim Mauerfall
Das war so ein Intensivkurs über zwei Monate, im Oktober und November 1989. Und natürlich habe ich neben dem Russischlernen verfolgt, was sich da in der DDR tat. Die Redaktion in Bern machte mir allerdings freundschaftlich klar, dass es für mich jetzt wichtiger sei, den Kurs zu besuchen und mich auf Moskau vorzubereiten. Den Kurs verschieben wollten die Kollegen jedenfalls nicht.
Und so kam es, dass ich den Mauerfall als Zuschauer erlebt habe und nicht als Berichterstatter. Für mich war das natürlich sehr frustrierend. Ich konnte dann erst später, nach dem Ende meines Kurses, die Berichterstattung wieder übernehmen.
Als Schweizer hatten wir immer eine etwas andere Sicht auf die DDR. Schon von offizieller Seite: Da wurde die DDR beispielsweise auch als eigenständiger Staat anerkannt. Ich persönlich war immer der Meinung, dass man geschichtliche Fakten akzeptieren müsse. Als die Mauer dann gefallen war, gehörte ich deshalb auch zu jenen, die fanden, es gebe jetzt vielleicht die Chance auf einen eigenständigen demokratischen Staat mit einer eigenen neuen Verfassung.
Hochnäsige Westdeutsche
Ich habe mich damals auch sehr genervt, wie die DDR von einigen Westdeutschen vereinnahmt wurde – nicht nur von Politikern, sondern auch von ganz normalen Bürgern. Die sich teilweise teure Wagen mieteten, wenn sie eine Reise in die DDR unternahmen und sich dort mit einer riesigen Arroganz und Hochnäsigkeit bewegten.
Ich habe zu dem Thema dann auch mal einen entsprechenden Kommentar für das «Echo der Zeit» verfasst. Damals in Bonn wurden alle diese Beiträge vom Bundespresseamt aufgezeichnet und archiviert, als Korrespondent konnte man dann jeden Morgen eine kleine Mappe mit den Beiträgen der anderen Auslandskorrespondenten erhalten.
Kurz nachdem ich meinen Kommentar verfasst hatte, kamen dann plötzlich gleich mehrere Kollegen auf mich zu, die mich fragten, wie ich wohl dazu komme, einen Beitrag für das «Neue Deutschland» zu verfassen? Da hatte die SED-Parteizeitung meinen Kommentar in weiten Zügen bei sich im Blatt abgedruckt. Für mich eine etwas zweifelhafte Ehre.» (ank)
