Robert Stähli: Per Anhalter durch Berlin
Robert Stähli: Berichtete ohne Pause aus Berlin. (SR DRS)
«Vom Mauerfall habe ich am Abend des 9. November erfahren – und zwar beinahe per Zufall. Ich bin nicht jemand, der 24 Stunden am Tag Nachrichten hört, vorm Zubettgehen aber schalte ich sie doch meist noch ein oder lese den Teletext. Und so habe ich an diesem Abend auch von den Ereignissen in Berlin erfahren.
Ich war zu der Zeit Redaktionsleiter der Sendung «Echo der Zeit» und des Ressorts Ausland, damals gehörte das noch zusammen. Und eigentlich war es Glück, dass mein Kollege Alexander Grass und ich damals gerade Zeit hatten.
Am Morgen des 10 November steckte ich zu Hause den Pass ein, eine Zahnbürste und ein bisschen Wäsche - und dann sind wir gegen neun in Bern losgefahren. Zuerst nach Zürich, dann mit dem Flugzeug nach Frankfurt und dort hatten wir das Glück, in einem PanAm-Flug nach Berlin noch Plätze zu ergattern. Und so sind wir irgendwann auf der Glienicker Brücke gelandet.
In Berlin herrschte am Tag nach der Maueröffnung politische Jahrmarktstimmung. Je näher man zur Mauer kam, desto mehr Menschen kamen auf einen zu. Das Besondere war, dass wir auf so viele gesprächige Leute trafen - ich hatte den Eindruck, jeder wollte sich mitteilen und irgendwie kommentieren, was da in der Nacht passiert war.
«Es gab ja keine Taxis mehr»
Verrückt war auch, wie wir uns in Berlin an dem Tag fortbewegt haben. Es gab ja keine Taxis mehr, die waren alle ausgebucht. Wir sind dann einfach per Anhalter gefahren. Ich habe keine Ahnung, mit wem wir zur Glienicker Brücke gekommen sind. In der Sendung «International» von diesem Tagen gibt es zum Beispiel eine Stelle, da sitzen wir irgendwo in einem Fahrzeug. Ich habe keine Ahnung, wer uns da gefahren hat und wer uns überhaupt zu dieser Brücke gebracht hat!
Die technischen Bedingungen, unter denen wir damals gearbeitet haben, sind aus heutiger Sicht sicher abenteuerlich. Wir sind da mit dem Nagra hingefahren - mit dieser schweren Bandmaschine, die ungefähr sechs Kilo wiegt. Dabei hatten wir auch noch eine Hermes Media 3 und waren mit UKW-Radios bestückt, damit wir selber auch Radio hören konnten.
Wir haben dann einfach durchgearbeitet – man kann fast sagen in einer Art Trancezustand. Bis etwa gegen Mitternacht waren wir auf der Glienicker Brücke und danach habe ich Beiträge verfasst.
«Stand ich wirklich auf dieser Brücke?»
Als Journalist erlebt man diese Situationen ja in einer ganz anderen Haltung. Neudeutsch würde man wohl sagen, man versucht, cool zu bleiben. Als ich irgendwann in dieser Nacht - vielleicht war es auch schon früher Morgen - versuchte, eine Stunde zu schlafen, habe ich mich schon gefragt: Stimmt das alles? Stand ich wirklich auf dieser Brücke und hab mit Volkspolizisten gesprochen?
In diesen besonderen Situationen kann man ja irgendwie am Stück arbeiten, das Loch kommt dann einfach später. Und dann kommen meist auch die grossen Fragen: Habe ich das jetzt überhaupt richtig gewichtet? Habe ich alles richtig verdaut? Glücklicherweise stimmte die Gewichtung wohl.
Dass sich irgendwie etwas anbahnte, das war ja absehbar in diesem Herbst 89. Die Überraschung für mich war eher, wie schnell es ging. Man wusste, es ist etwas in Bewegung – aber dass es dann letztlich eine Frage weniger Wochen war, das war sehr überraschend. Hätte man mich im Oktober gefragt, ob die Mauer fällt, ich hätte geantwortet: Nein, die wird nie fallen.» (ank)
