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(Keystone)

Die Köpfe der Wende - und was aus ihnen wurde

Nicht einmal ein Jahr dauerte es von jenen bewegenden Tagen im Herbst 1989 bis zur Vereinigung beider deutscher Staaten am 3. Oktober 1990. Wer waren damals die Wortführer? Wer traf wichtige Entscheidungen? Wer überstand die Wendezeit, wer nicht? Ein Überblick.

Bärbel Bohley Christian Führer Hans-Dietrich Genscher Michail Gorbatschow Stefan Heym Helmut Kohl Egon Krenz Lothar de Maiziere Jens Reich Günter Schabowski Markus Wolf

 

Bärbel Bohley - Bürgerrechtlerin, Mitbegründerin des Neuen Forum

Bild: zvg
Bärbel Bohley, geboren 1945, wurde 1989 zu einer der Symbolfiguren der friedlichen Revolution in der DDR. Die freischaffende Malerin und Grafikerin engagierte sich bereits Anfang der 80er Jahre in der DDR-Opposition, zunächst in der Gruppe «Frauen für den Frieden».

Ende 1983 verbrachte sie wegen «landesverräterischer Nachrichtenübermittlung» einige Wochen in Untersuchungshaft im Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Zusammen mit anderen Oppositionellen gründete sie die Ost-Berliner Initiative «Für Frieden und Menschenrechte», die sich zusammen mit der Kirche für die Demokratisierung des öffentlichen Lebens einsetzte. 1988 kam sie erneut für mehrere Wochen nach Hohenschönhausen.

Aufruf «Die Zeit ist reif»
Zusammen mit anderen Oppositionellen unterzeichnete Bohley  im September 1989 den Aufruf «Die Zeit ist reif» - ein leidenschaftliches Plädoyer für gesellschaftlichen Wandel in der DDR. Zu der von Bohley mitbegründeten Bürgerbewegung Neues Forum bekannten sich im Herbst 1989 binnen kurzer Zeit rund 200 000 Menschen.

Nach der Wende wurde es politisch still um Bohley. Die Wiedervereinigung begleitete sie kritisch. Zusammen mit anderen Bürgerrechtlern setzte sie sich für einen weiteren freien Zugang zu den Stasi-Unterlagen ein und warnte vor einer Verharmlosung der SED-Diktatur. 1994 trat Bohley als Spitzenkandidatin des Neuen Forums zur Europawahl an. 2002 unterstützte sie im Bundestagswahlkampf die FDP.

Arbeit in Ex-Jugoslawien
In den neunziger Jahren betreute Bohley als offizielle Beauftragte die Rückkehr der Kriegsflüchtlinge aus dem deutschsprachigen Raum nach Bosnien-Herzegowina. Lange lebte Bohley mit dem aus Bosnien-Herzegowina stammenden Lehrer Dragan Lukic in Kroatien. Seit 2008 lebte sie wieder in Berlin. Am 11. September 2010 erlag Bohley einem Krebsleiden.

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Christian Führer - Pfarrer, Mitinitiant der Montagsdemonstrationen

Bild: zvg

Führer, geboren 1943 und seit 1980 Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, öffnete seine Kirche Anfang der achtziger Jahre für die Friedensgebete, die sich vor allem gegen das Wettrüsten in West und Ost richteten. In der DDR verbanden sich diese Gebete allerdings auch immer mit dem Wunsch nach Demokratisierung und Gerechtigkeit.

Weil die Gebete von Jahr zu Jahr mehr und vor allem junge Menschen anzogen, standen sie schnell unter besonderer Beobachtung der Sicherheitskräfte. Ab Mai 1989 spitzte sich die Situation zu: Zufahrtsstrassen zur Kirche wurden gesperrt, später wurden während der Gebete gar die Leipziger Autobahnabfahrten kontrolliert.

Aus Gebeten werden Montagsdemonstrationen
Aus den Gebeten entstanden 1989 die so genannten Montagsdemonstrationen. Als Wendepunkt gilt die Demonstration vom 9. Oktober 1989, an der sich mehrere Zehntausend Menschen beteiligten. Sicherheitskräfte und Krankenhäuser - Führer nennt es «ein schauriges Gewaltszenario von Armee und Kampfgruppen, Polizei und Stasileuten in Zivil» - waren für diesen Tag aufgeboten. Der Abend aber verlief gewaltfrei.

Führer beschreibt die bewegenden Momente des Abends so: «Und als wir, mehr als 2000 Menschen, aus der Kirche kamen - den Anblick werde ich nie vergessen - warteten Zehntausende draussen auf dem Platz. Sie hatten Kerzen in den Händen. Und wenn man eine Kerze trägt, braucht man beide Hände. Man muss das Licht behüten, vor dem Auslöschen schützen. Da kann man nicht gleichzeitig noch einen Stein oder Knüppel in der Hand halten.»

Nach der Wende setzte sich Führer vor allem für Arbeitslose ein - unter seiner Führung entstand die Kirchliche Erwerbsloseninitiative Leipzig. 2004 öffnete er seine Kirche für die Montagsdemonstrationen gegen die so genannten «Hartz IV»-Gesetze, mit denen die Leistungen von Arbeitslosen und Sozialhilfebezügern neu geregelt wurden. Anders als einige DDR-Bürgerrechtler sah er kein Problem darin, den Begriff «Montagsdemonstration» auch für diese Kundgebungen zu verwenden.

Führer war noch bis 2008 Pfarrer an der Nikolaikirche. Er ist nun im Ruhestand.

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Hans-Dietrich Genscher - langjähriger Aussenminister, Entspannungspolitiker

Bild: Keystone
Genscher, geboren 1927 in einem Vorort von Halle/Saale und Anfang der fünfziger Jahre in den Westen übergesiedelt, war insgesamt 23 Jahre Aussenminister der Bundesrepublik Deutschland. Sein Name ist untrennbar verbunden mit dem Ende des Kalten Krieges und den Verhandlungen zur deutschen Einheit.

Der FDP-Politiker Genscher - Markenzeichen gelber Pullunder - zeigte sich seit seinem Amtsantritt als Aussenminister im Jahr 1974 als geschickter Anwalt eines Ausgleichs zwischen Ost und West. Zu seinen erklärten aussenpolitischen Zielen gehörte es, geduldig an der Entspannungspolitik festzuhalten. In den 1980er-Jahren suchte er den Dialog mit der neuen sowjetischen Führung unter Michail Gorbatschow.

1989 gehörte Genscher zu jenen Politikern, die die Reformprozesse in Polen und Ungarn von Beginn an unterstützten. Als Aussenminister und Exponent der FDP rief er wenig später die Verantwortlichen in der DDR zum Umdenken auf und dankte der ungarischen Führung für ihre Haltung bei der Ausreise der DDR-Flüchtlinge.

Auftritt in der Prager Botschaft
Unvergessen ist sein Auftritt in der Prager Botschaft der BRD am 30. September 1989: Vom Balkon der Botschaft überbrachte er den tausenden auf dem Botschaftsgelände ausharrenden DDR-Flüchtlingen die Nachricht von ihrer bevorstehenden Ausreise. Die Szene, in der Genschers letzte Worte bereits im Jubel der Flüchtlinge untergehen, wird praktisch in jeder Rückblickssendung zum Mauerfall gezeigt.

In den dramatischen Wochen im Herbst 1989 gehörte Genscher zu den Politikern, die die Chance für einen Durchbruch in der deutschen Frage erkannten und alles daran setzten, im Ausland die Vorbehalte gegen ein vereintes Deutschland abzubauen. Als das «am tiefsten bewegende Ereignis der ganzen Amtszeit» bezeichnete Genscher später den Austausch der Ratifikationsurkunde für den 2+4-Vertrag im Mai 1991 in Moskau - das Abkommen über Deutschlands Souveränität.

Abgeordneter bis 1998
Genscher blieb noch bis 1992 Aussenminister und bis 1998 Mitglied des Bundestages. Nach seinem politischen Abschied übernahm er bis 2004 den Aufsichtsratsvorsitz einer von ihm gegründeten Kommunikationsberatung für Wirtschaft, Medien und Politik.

Ausserdem gründete er die Hans Dietrich Genscher Consult - eine Firma, die Unternehmen mit Auslandsplänen berät. Genscher ist Ehrenvorsitzender der FDP. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Bonn.

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Michail Gorbatschow - Sowjetischer Reformpolitiker («Glasnost» und «Perestroika»)

Bild: Reuters
Gorbatschow, geboren 1931 in Priwolnoje im Nordkaukakus, gehört zu den einflussreichsten Figuren der Wendejahre. Für seine Verdienste im Friedensprozess erhielt er 1990 den Friedensnobelpreis.

Der studierte Jurist hatte gleich nach dem Ende seines Studiums eine Parteikarriere eingeschlagen. 1980 wurde er Vollmitglied des Politbüros - dem eigentlichen Machtzentrum von Partei und Staat. Im März 1985, nach dem Tod des damaligen KPdSU-Generalsekretärs Viktor Tschernenko, wurde Gorbatschow einstimmig zu dessen Nachfolger gewählt. Kaum im Amt, übte der neue Kremlchef Kritik an den Missständen in Innen- und Wirtschaftspolitik. Zahlreiche Funktionärskader verloren ihre Posten.

Glasnost und Perestroika
Für grosse Aufmerksamkeit sorgte Gorbatschows Programm eines grundlegenden Umbaus («Perestroika») der wirtschaftlichen Verhältnisse. Mit dem Programm sollten unter anderem Eigeninitiative und Eigenverantwortung gefördert werden. Ausserdem vorgesehen: die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente und eine grössere Anpassung der Produktion an die Nachfrage.

Für mindestens ebenso viel Aufsehen sorgte das von Gorbatschow vorangetriebene Prinzip «Glasnost», übersetzt etwa Offenheit oder Transparenz, in der Informationspolitik - für sowjetische Verhältnisse ein absolutes Novum.

Auch aussenpolitisch zog mit Gorbatschow ein neuer Geist im  Kreml ein. So sorgte er bereits kurz nach Amtsantritt für eine Entspannung des frostigen Verhältnisses zu den USA. Die neue Linie schlug sich unter anderem in einer Reihe von Abrüstungsinitiativen nieder und führte schliesslich zum Ende des Kalten Krieges.

DDR skeptisch
Gorbatschows Reform- und Entspannungspolitik blieb nicht ohne Wirkung auf die anderen sozialistischen Staaten - namentlich die DDR. Von der alten Führung wurde die Entwicklung unter Gorbatschow allerdings äusserst kritisch betrachtet - was sich unter anderem im Verbot der Zeitschrift «Sputnik» zeigte.

In dieser von der sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti in mehreren Sprachen herausgegebenen Zeitschrift wurde Ende der 1980er-Jahre auch offen über die Umwälzungen oder über Verbrechen Stalins berichtet. Die DDR-Führung zog Ende 1988 die Konsequenzen und verbot das Magazin - für viele DDR-Bürger ein Hohn.

Symbolträchtig war auch Gorbatschows Auftritt zum 40. Jahrestag der DDR in Berlin. Während sich die DDR-Führung scheinbar unbeirrt mit Paraden und Gala-Essen feierte, protestierten nebenan zehntausende wütender Demonstranten und riefen «Gorbi, Gorbi».

Schon kurz nach Gorbatschows Besuch wurde Erich Honecker in der DDR gestürzt, wenig später stürzte der einstige Machtapparat vollkommen in sich zusammen.

Vorbehalte gegen Vereinigung
Gorbatschow äusserte in den darauffolgenden Verhandlungen grosse Vorbehalte gegen eine deutsche Vereinigung. Er favorisierte zunächst das Fortbestehen zweier souveräner deutscher Staaten, später eine Föderation. Gedrängt vom Lauf der Ereignisse stimmte er aber schliesslich der Wiedervereinigung zu.

Innenpolitisch geriet Gorbatschow zunehmend unter doppelten Druck: Einerseits bedrängten ihn jene, denen seine Reformen zu zögerlich waren. Andererseits rebellierten die, denen seine Einschnitte zu weit gingen. Zudem brachen jahrzehntelang aufgestaute Nationalitätenprobleme auf.

Im August 1991 versuchten konservative Politiker und Militärs, Gorbatschow zu stürzen. Der Putsch scheiterte am Widerstand der Opposition unter Boris Jelzin. Kurzzeitig wurde Gorbatschow zwar ins Amt des Staatspräsidenten eingesetzt. Nach der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und dem damit besiegelten Ende der Sowjetunion trat er Ende Dezember 1991 aber zurück.

Stiftung gegründet
Gorbatschow wurde danach Vorsitzender einer nach ihm benannten Stiftung, die soziale, wirtschaftliche und politische Forschungen ermöglicht. Eine Kandidatur für das Präsidentenamt im Jahr 1996 scheiterte.

2008 gründete er zusammen mit dem russischen Oligarchen Alexander Lebedjew die Unabhängige Demokratische Partei Russlands.

Seit dem Tod seiner Frau Raissa lebt Gorbatschow in der Nähe seiner Tochter Irina in Moskau.

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Stefan Heym - Schriftsteller, Politiker, Mahner

Bild: Keystone
Heym, geboren 1913 in Chemnitz und gestorben 2001 in Jerusalem, hiess eigentlich Helmut Flieg. Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns verlor mehrere Mitglieder seiner Familie in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten.

Flieg floh als junger Mann in den dreissiger Jahren zunächst nach Prag, wo er als Journalist arbeitete und sich aus Rücksicht auf seine Familie das Pseudonym Stefan Heym zulegte. 1935 siedelte er in die USA über. Dort trat er Anfang der vierziger Jahre in die Armee ein, wurde zum Sergeanten befördert und als Angehöriger der amerikanischen Besatzungsmacht vorübergehend sogar nach Deutschland versetzt.

Aus den USA in die DDR
Aus Protest gegen die anti-kommunistischen Strömungen unter Senator Joseph McCarthy verliess Heym 1952 die USA. Über Prag siedelte er mit seiner amerikanischen Frau in die noch junge DDR über, wo er als Schriftsteller und Zeitungskolumnist arbeiteten konnte.

Obwohl er durchaus kritische Texte veröffentlichte und sich keiner Partei anschloss, blieb Heym lange Zeit ein von der DDR-Führung anerkannter Autor. Dabei, so schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» 1994, schützte den unbequemen Mahner wohl auch sein internationales Renommee als «bekannteste Unperson der DDR».

Die meisten seiner Bücher liess Heym dennoch im Westen drucken - unter anderem «Fünf Tage im Juni», eine kritische Darstellung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR. Im Westen wurde er rasch zum meistgelesenen Autor der DDR.

Solidarität mit Biermann
1976 unterzeichnete auch Heym die Solidaritätserklärung für den ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann. Die Geduld der DDR-Führung mit dem unbequemen Autor schien nun am Ende. Wenig später wurde Heym wegen eines Devisenvergehens verurteilt und daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen - ein offensichtlich vorgeschobener Grund, den Schriftsteller zu kriminalisieren. Gehör verschaffte er sich fortan vor allem im Westen.

Anfang November 1989 wurde Heym von Hunderttausenden Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz begeistert begrüsst und für seine Rede über einen «neuen, den besseren Sozialismus in der DDR» bejubelt.

Heym - der sich nach dem Mauerfall zunehmend angewidert vom Kaufrausch seiner ostdeutschen Landsleute zeigte - vertrat diese Haltung auch in den Wochen und Monaten der Wende, als sich die Rufe der Demonstranten längst von «Wir sind das Volk» zu «Wir sind ein Volk» geändert hatten.

Kandidat der PDS für den Bundestag
Heym gehörte zu den Mitinitianten des Aufrufs «Für unser Land» und gründete 1992 das «Komitee für Gerechtigkeit» mit. Für die Bundestagswahl 1994 liess er sich von der SED-Nachfolgepartei PDS als parteiloser Kandidat im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg aufstellen und setzte sich dort gegen den populären ostdeutschen Politiker Wolfgang Thierse durch.

Heym wurde im Parlament Alterspräsident. Dieser hält traditionell die Eröffnungsrede. Heyms Auftritt wurde von erneuten Anfeindungen überschattet: Ein in der Berliner Stasi-Behörde aufgetauchtes Dokument bezichtigte ihn der Stasi-Mitarbeit. Heym wies die Anschuldigungen zurück. Seiner Eröffnungsrede versagte praktisch die gesamte Unions-Fraktion den Applaus.

Kurzer Aufenthalt in der Politik
Schon ein Jahr nach der Wahl legte Heym sein Bundestagsmandat wieder nieder. Aus Protest gegen die geplante Diätenerhöhung der Abgeordneten verabschiedete er sich aus der Politik.

Zuletzt veröffentlichte Heym im Jahr 2000 den schon 1965 abgeschlossenen Roman «Die Architekten», der in der DDR nicht erscheinen durfte.

Ein Jahr später, im Dezember 2001, nahm Heym an einer Konferenz in Jerusalem teil und erlag dort einem Herzversagen.

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Helmut Kohl - «Kanzler der Einheit»

Bild: Deutsches Bundesarchiv
Helmut Kohl wurde 1930 als das jüngste von drei Kindern eines Finanzbeamten und einer Lehrerin in Ludwigshafen geboren. Sein Elternhaus nannte er selbst einmal «katholisch, aber gleichzeitig liberal - und gemässigt national».

Kohl, der in Frankfurt und Heidelberg studierte und 1958 als Dr. phil. abschloss, ging zunächst in die Wirtschaft - erst als Assistent einer Eisengiesserei, später in einen Chemie-Branchenverband.

CDU-Mitglied mit 16
Schon früh engagierte sich Kohl auch politisch. 1947 schloss er sich in Ludwigshafen der Jugendorganisation der CDU, der Jungen Union, an. In seinem Bundesland Rheinland-Pfalz machte Kohl rasch Karriere. Als bundesweit jüngster Politiker wurde er 1969 zum Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz gewählt.

Auch auf bundespolitischer Ebene stieg Kohl rasch auf. Nachdem er 1971 noch unterlegen war, machte ihn seine Partei zwei Jahre später zum Bundesvorsitzenden der CDU. 1976 übernahm er den Vorsitz der CDU-/CSU-Fraktion im Bundestag und wurde so zum Oppositionsführer gegen die sozialliberale Koalition von Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Als diese 1982 über sozial- und wirtschaftspolitischen Differenzen zerbrach, wählte der Bundestag Kohl über ein von der Union angestossenes so genanntes konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt zum neuen Kanzler.

Auf dem Weg zum ewigen Kanzler
Kohl führte fortan eine Regierungskoalition, die aus den beiden Unionsparteien und der FDP bestand. Obwohl er anfangs stark unterschätzt wurde, schaffte er es in diesem Amt quasi zum «ewigen Kanzler».

Das Jahr 1989, das ihn schliesslich zum «Kanzler der Einheit» machte, begann für Kohl zunächst mit politischen Widerständen. Vor allem die innerparteiliche Kritik an seinem Führungsstil war gross - sie steigerte sich bis zum Versuch, ihn als Parteivorsitzenden abzulösen.

Gunst der Stunde erkannt
Die Ereignisse in der DDR und in Osteuropa gaben seiner Kanzlerschaft schliesslich aber eine unerwartete Wende. Kohl - das attestieren ihm auch Kritiker - erkannte in diesen wenigen Wochen und Monaten zweifellos die vermutlich einzigartigen historischen Gegebenheiten, die deutsche Einheit durchzusetzen.

Quasi im Alleingang legte Kohl Ende November 1989 einen Zehn-Punkte-Plan zu einer bundesstaatlichen Vereinigung beider deutscher Staaten vor. Der Plan, der Weggefährten wie politische Gegner gleichermassen überraschte, sah zunächst konföderative Zwischenziele vor.

Schon wenige Wochen später - spätestens bei einem Dresden-Besuch im Dezember 1989, den Kohl später als «Schlüsselerlebnis» auf dem Weg zur deutschen Einheit bezeichnete - erkannte er aber die günstigen Chancen für eine sofortige Herstellung der deutschen Einheit.

Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Ausland
Die durchaus vorhandenen Widerstände im Ausland konnte Kohl mit viel Fingerspitzengefühl abbauen - vor allem in bilateralen Konsultationen. So konnte Kohl dem französischen Präsidenten Francois Mitterand glaubwürdig versichern, dass er ein vereintes Deutschland nicht nur eng in die Europäische Gemeinschaft einbinden, sondern diese auch weiterentwickeln wolle.

Seine Entschlossenheit, das vereinte Deutschland in der Nato zu halten, gewann den amerikanischen Präsidenten George Bush senior. Das entscheidende Kunststück - dafür schliesslich auch noch die Zustimmung des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow zu bekommen - gelang Kohl schliesslich zusammen mit seinem Aussenminister Hans-Dietrich Genscher bei ihrem Staatsbesuch im Juni 1990 in der UdSSR.

Höhepunkt seiner Karriere
Der 3. Oktober 1990, an dem Deutschland nur knapp elf Monate nach dem Mauerfall die deutsche Einheit feierte, war schliesslich der Höhepunkt der politischen Karriere Kohls.

In den Bundestagswahlen von 1990 und 1994 wurde Kohl jeweils im Amt bestätigt. In beiden Legislaturperioden versuchte er, das vereinte Deutschland zu konsolidieren und im europäischen Einigungsprozess zu verankern. Letzteres gelang ihm.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen aber stellten sich als immens heraus. Die «blühenden Landschaften», die Kohl versprochen hatte, liessen auf sich warten - vor allem viele Ostdeutsche reagierten angesichts wirtschaftlicher Probleme und wachsender Arbeitslosigkeit mit Einheitsfrust.

Bei den Bundestagswahlen 1998 wurde Kohls schwarz-gelbe Koalition abgewählt. Er trat noch am Wahlabend als Bundesvorsitzender der CDU zurück, wurde aber gleichzeitig zum Ehrenvorsitzenden seiner Partei gewählt.

Spendenaffäre ramponiert sein Ansehen
Kohls Ansehen nahm in den darauffolgenden Jahren durch die Spendenaffäre seiner Partei grossen Schaden, die von 1999 nach und nach ans Licht kam. Damals wurde bekannt, dass führende Mitglieder in Kohls Partei jahrelang Spenden an die CDU auf geheimen Konten deponiert hatten, ohne dies zu melden - ein Verstoss gegen das Parteiengesetz.

Kohl räumte ein, von den Konten gewusst und über mehrere Jahre hinweg selbst bis zu zwei Millionen Mark entgegengenommen zu haben, ohne dies zu deklarieren. Bis heute weigert sich Kohl, die Namen der Spender zu nennen - er verweist auf sein «Ehrenwort». Nachdem sich die neue Parteispitze um Wolfgang Schäuble und Angela Merkel schliesslich von ihm distanzierte, legte Kohl den Ehrenvorsitz seiner Partei nieder - ein beispielloser Vorgang.

Ein Ermittlungsverfahren in der Sache gegen Kohl wurde 2001 gegen Zahlung einer Geldbusse eingestellt.

Abschied von der Politik
Am 12. September 2002 nahm Kohl an seiner letzten Plenarsitzung als Abgeordneter des Deutschen Bundestages teil, mit dem Ende der Legislaturperiode schied er aus dem Parlament aus.

Für sein europapolitisches Engagement ist Kohl hochdekoriert worden. Bereits 1988 erhielt er für seine Verdienste um die französisch-deutsche Freundschaft und für die Zukunft Europas zusammen mit François Mitterrand den Aachener Karlspreis. Die Europäische Union ernannte ihn 1998 zum «Ehrenbürger Europas» - ein Titel, der zuvor nur Jean Monnet, dem «Gründervater» der europäischen Einheit, verliehen wurde.

Kohl, der nach dem Tod seiner Frau Hannelore 2001 im Jahr 2008 noch einmal geheiratet hat, lebt in Oggersheim und Berlin.

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Egon Krenz - DDR-Funktionär, Honecker-Nachfolger für wenige Wochen

Bild: Keystone
Krenz, geboren 1937 in Kolberg in Pommern, gehörte  spätestens seit den achtziger Jahren zu den einflussreichsten Funktionären im DDR-Machtapparat.

Der ausgebildete Lehrer, der auch die Parteischule in Moskau besuchte, legte seit 1959 eine steile Karriere innerhalb der DDR-Jugendorganisation FDJ hin, ab 1974 war er ihr Vorsitzender.

Parallel dazu übernahm er auch innerhalb der SED immer einflussreichere Ämter. Seit Anfang der achtziger Jahre rückte er in die Position des Sekretärs des Zentralkomitees der Partei auf und wurde Vollmitglied des SED-Politbüro. Beide Gremien - Zentralkomitee (ZK) und Politbüro - waren die eigentlichen Machtzentren im politischen System der DDR.

Spätestens seit Mitte der achtziger Jahre galt Krenz als der zweite Mann hinter ZK- und Politbüro-Chef Honecker und als dessen potenzieller Nachfolger. Als Honecker seinen Posten im Oktober 1989 räumen musste, wurde Krenz denn auch als neuer Spitzenmann installiert - wenn auch nur für wenige Wochen.

Sein Versuch, Reformen anzustossen und die SED so an der Macht zu halten, blieb in den Wendewochen erfolglos. Anfang Dezember 1989 traten das gesamte Zentralkomitee und das Politbüro zurück. Krenz' Karriere im höchsten Amt der DDR war somit rasch beendet.

Anklage wegen Totschlags
Anfang der neunziger Jahre konzentrierte sich das öffentliche Interesse an Krenz vor allem auf Zeugenaussagen, die er in Prozessen gegen andere Exponenten des DDR-Systems machte.

Wegen den Todesschüssen an der Berliner Mauer musste Krenz sich ab 1995 dann selbst vor Gericht verantworten. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte gegen insgesamt sieben Mitglieder des einstigen Politbüros wegen mehrfachen und gemeinschaftlichen Totschlags Anklage erhoben. Krenz wies die Vorwürfe zurück.

Der bundesdeutschen Justiz sprach er zudem das Recht ab, über einstige DDR-Bürger ein Urteil zu fällen. Zudem, so Krenz, habe die DDR in Grenzfragen gar nicht eigenmächtig entscheiden können - selbst nach dem Amtsantritt Michail Gorbatschows habe das Grenzregime nicht ohne weiteres geändert werden können.

Sechs Jahre Haft
Am 25. August 1997 wurde Krenz vom Landgericht Berlin zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Auf politischer Ebene wurde das Urteil auf breiter Front begrüsst. Krenz selbst sprach von «Siegerjustiz».

Seine Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg hatte allerdings keinen Erfolg. Die Begründung der Strassburger Richter war eindrücklich: Ihrer Auffassung nach hatte auch die DDR internationale Menschenrechte anerkannt. Daran, so die Richter, müssten sich einstige Repräsentanten auch nach dem Untergang ihres Landes noch messen lassen.

Krenz: «Urteil, aber kein Recht»
Krenz zeigte sich uneinsichtig: Er habe ein Urteil bekommen, aber kein Recht. Er verbüsste den grössten Teil seiner Haftstrafe als Freigänger in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee.

Im Dezember 2003 wurde er in die Freiheit entlassen. Krenz lebt mit seiner Frau in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern. Er hat seither zwei Bücher geschrieben.

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Lothar de Maiziere - Letzter Ministerpräsident der DDR

Bild: Keystone

De Maiziere, geboren 1940 in Nordhausen, wuchs in einem, wie er sagt, «aufgeklärten protestantischen Elternhaus» auf. Sein Glauben verbaute ihm beinahe das Abitur in der DDR.

De Maiziere schlug nach der Schule zunächst eine musikalische Karriere ein. Er studierte Viola an der Hochschule für Musik in Berlin und spielte danach in verschiedenen Orchestern der DDR. Eine Nervenentzündung im rechten Arm zwang ihn Ende der sechziger Jahre jedoch dazu, noch einmal umzusatteln.

Vom Musiker zum Juristen
Bis 1975 studierte er Jura an der Berliner Humboldt-Universität und arbeitete anschliessend als Rechtsanwalt. De Maiziere übernahm in dieser Zeit häufig die Vertretung christlich engagierter Bürger, die mit dem DDR-System in Konflikt geraten waren. Im Kollegium der Rechtsanwälte in Berlin, dem er seit 1976 angehörte, traf er auf einen anderen bekannten DDR-Rechtsanwalt, der es nach der Wende zu Bekanntheit brachte: Gregor Gysi.

Parallel zu seiner Arbeit als Anwalt engagierte sich de Maiziere in der evangelischen Kirche. Von 1986 bis zum Ende der DDR war er Vizepräses des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR.

Der Ost-CDU - eine der vier so genannten Blockparteien der DDR - war de Maiziere bereits als junger Mann beigetreten. Leitende Ämter in der Partei lehnte er jedoch bis zur Wende ab. Erst in den Herbsttagen des Jahres 1989 wurde de Maiziere parteipolitisch tätig.

Am 10. November, einen Tag nach dem Mauerfall, trat der Parteivorsitzende der DDR-CDU von seinem Amt zurück. Als Zeichen des Neuanfangs wurde der als unbelastet geltende de Maiziere mit grosser Mehrheit zu seinem Nachfolger gewählt.

Erster und letzter frei gewählter DDR-Ministerpräsident
In der am 17. November 1989 neu berufenen DDR-Regierung wurde de Maiziere schliesslich zum Minister für Kirchenfragen gewählt. Den Parteien und auch der neuen Regierung blieb jedoch kaum Zeit, sich zu organisieren - zu rasch folgten die ersten und letzten freien Wahlen zur DDR-Volkskammer am 18. März 1990.

Diese konnte die «Allianz für Deutschland» - ein eilends mit Hilfe der West-CDU zusammengezimmertes Bündnis aus CDU und zwei Bürgerrechtsgruppen - deutlich gewinnen. Im Wahlkampf hatte die CDU sich zudem als einzige Partei konsequent für die rasche deutsche Einheit und die Einführung der sozialen Marktwirtschaft ausgesprochen und damit dem Willen der grossen Mehrheit der DDR-Bürger zu dieser Zeit entsprochen.

Würde der DDR-Bürger wahren
Mit viel Überzeugungskraft und grosser Hartnäckigkeit gelang es de Maiziere, mit der SPD und den Liberalen eine Koalitionsregierung zu bilden. Deren politischen Auftrag sah er vor allem darin, den geordneten Übergang zur deutschen Einheit zu gewährleisten. Als erstem - und zugleich letztem - frei gewählten Ministerpräsidenten der DDR ging es de Maiziere nach eigenen Angaben vor allem darum, die Würde der Deutschen in der DDR zu wahren.

Schon wenig später aber verfügte die DDR-Regierung kaum noch über Handlungsspielraum: Nach der Währungsunion am 1. Juli, mit der die D-Mark auch in der DDR eingeführt wurde, beschleunigte sich der Einigungsprozess immer mehr. Am 12. September 1990 unterzeichnete de Maiziere schliesslich den so genannten 2+4-Vertrag für die DDR, mit dem die äusseren Bedingungen für die deutsche Einheit geregelt wurden - de Maiziere nannte dies später einmal seinen «grössten Erfolg».

Weil sein Koalitionspartner SPD den Einigungsvertrag nicht mittragen wollte, zerbrach wenige später das Nachwende-Regierungsbündnis - angesichts der wenige Tage später anstehenden deutschen Vereinigung blieb dies jedoch ohne grosse politische Konsequenzen.

Stasi-Vorwürfe
Knapp elf Monate nach dem Fall der Berliner Mauer erfolgte am 3. Oktober die Vereinigung beider deutscher Staaten. Neben anderen DDR-Politikern trat de Maiziere der gesamtdeutschen Bundesregierung als Minister für besondere Aufgaben bei.

Kurz nach den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen im Dezember 1990 - de Maiziere zog für die Brandenburger CDU ins Parlament ein - enthüllte das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» Stasi-Vorwürfe gegen de Maiziere, die dieser zurückwies.

Er wiederholte frühere Aussagen, wonach er als Anwalt für regimekritische Mandaten immer wieder Kontakt mit der Stasi gehabt habe, aber keinesfalls in deren Auftrag spioniert habe. Dennoch zog de Maiziere die Konsequenzen: Er bat um Entlassung als Bundesminister und liess auch seine Parteiämter vorerst ruhen. Lediglich sein Bundestagsmandat nahm er weiter wahr.

Anfang 1991 sprach die CDU-Führung de Maiziere von den Stasi-Vorwürfen frei, worauf dieser seine politischen Ämter wieder aufnahm. Allerdings kühlte sich in den kommenden Monaten das Verhältnis zwischen den Ost- und West-Landesverbänden innerhalb der Partei deutlich ab, Kritik der CDU-Führung an den östlichen Landesverbänden war zusätzliches Öl ins Feuer.

Rückzug aus der Politik
Nach einigem Hin und Her zog sich de Maiziere im September 1991 schliesslich ganz aus der Politik zurück. Neben seinen Ämtern in der Bundespolitik gab er auch sein Bundestagsmandat zurück. Nach seiner politischen Karriere arbeitete de Maiziere wieder als Anwalt in Berlin und spezialisierte sich dabei unter anderem auf rechtliche Probleme in Folge der Wiedervereinigung. Mehrfach wurde er gedrängt, wieder politische Ämter zu übernehmen, lehnte dies aber ab.

In einem Zeitungsinterview äusserte er sich beinahe abschätzig über seinen Lebensweg in der Politik: «Erst war ich Musiker, dann Rechtsanwalt und dann Politiker. Und das war ein permanenter Abstieg.»

De Maiziere blieb ein gefragter Gesprächspartner und meldete sich - «als einer, der dabei war» - immer wieder gern zu Wort. Kritisch äusserte er sich vor allem zur Vergangenheitsbewältigung im Westen und zum Umgang mit der SED-Nachfolgepartei PDS.

Union und SPD gab er Schuld am Erstarken der PDS, weil sie mit der «Ausgrenzung» ehemaliger SED-Mitglieder die früheren Funktionäre «regelrecht in die Arme der PDS getrieben» hätten.

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Jens Reich - Molekularbiologe, Bürgerrechtler, Politiker

Bild: Deutsches Bundesarchiv
Reich, geboren 1939 in Göttingen als Sohn eines Arztes und einer Heilgymnastin, wuchs in Halberstadt (heute Sachsen-Anhalt) auf. Nach dem Abitur studierte er an der Berliner Humboldt-Universität Medizin und liess sich danach zum Biochemiker ausbilden.

Später verschlug es Reich ans Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch, bald übernahm er dort die Leitung der Abteilung für mathematische Biologie. 1979 trat er in Ost-Berlin eine Professur für Biomathematik an.

Konflikt mit dem System
Anfang der achtziger Jahre geriet Reich zunehmend in Konflikt mit der DDR-Führung. Ein privater «Freitagskreis» - eine Runde von rund 30 kritischen Geistern aus unterschiedlichen Berufen, die Reich bereits 1971 mitbegründet hatte - wurde spätestens seit den achtziger Jahren von der Stasi abgehört und quasi lückenlos protokolliert.

Reich bekam die Repressionen des Systems zu spüren, als ihm 1984 die Leitung seiner Abteilung in Berlin-Buch entzogen wurde, weil er nicht in eine der Block-Parteien eintreten und seine Kontakte in den Westen nicht abbrechen wollte. Zusätzlich verwehrte man ihm weitere Reisen in den Westen - und nahm ihm damit die ohnehin bescheidene Chance, wissenschaftlich auf dem Laufenden zu bleiben.

Mitunterzeichner von «Die Zeit ist reif»
Im September 1989 gehörte Reich zu den Mitunterzeichnern des Aufrufs «Die Zeit ist reif», der im Hause der Bürgerrechtlerin Katja Havemann unterschrieben wurde. Darin wurden die Bürger der DDR aufgefordert, sich «an der Diskussion (...) lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen». Mit anderen begründete Reich zudem das Neue Forum als erste Bürgerbewegung der Wendezeit.

Auf der grossen Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 formulierte Reich die Vision eines freiheitlichen, demokratischen Gemeinwesens.

Spitzenkandidat des Neuen Forums
Bei der letzten Volkskammerwahl der DDR trat Reich als Spitzenkandidat des Neuen Forums an. Der Einzug ins Parlament gelang aber nur im so genannten «Bündnis 90» zusammen mit den anderen beiden Oppositionsgruppen «Demokratie jetzt» und der «Initiative für Frieden und Menschenrechte».

Die rasante politische Entwicklung in der DDR, die immer schneller auf eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten hindeutete, drängte die Bürgerrechtsbewegungen dann zunehmend an den Rand des Geschehens. Mit dem Ende der DDR zog sich Reich aus der Politik zurück. Das Angebot, bei der Bundestagswahl im Dezember 1990 für die Grünen zu kandidieren, lehnte er ab und kehrte zurück in seinen Beruf als Molekularbiologe.

Gefragter Gesprächspartner
In den Nachwendejahren war Reich ein gefragter Gesprächspartner, der sich immer wieder dafür aussprach, die Erfahrungen der Wendezeit nicht «wegzubügeln».

1993 wurde Reich von einer parteiübergreifenden Initiative als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl ins Gespräch gebracht. Reich kandidierte schliesslich mit dem Mandat von Bündnis90/Die Grünen. Bei der Wahl - bei der er gegen den CDU-Kandidaten Roman Herzog und den SPD-Kandidaten Johannes Rau antrat - war er praktisch chancenlos, konnte aber mit seinem Abstimmungsergebnis von 62 Stimmen im dritten Wahlgang einen Achtungserfolg erzielen.
Reich, der mit einer Internistin verheiratet ist und drei Kinder hat, ist unter anderem Mitglied des Deutschen Ethikrates und der Ethikkommission der Bundesärztekammer.

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Günter Schabowski - Politbüromitglied, «Verkünder» des Mauerfalls

Bild: Deutsches Bundesarchiv

Schabowski, geboren 1929 in Anklam in Mecklenburg, schlug nach dem Krieg zunächst eine journalistische Karriere ein. Der Sohn eines Klempners, der am Abend des 9. Novembers 1989 die Öffnung der Mauer verkündete, schrieb zunächst für verschiedene Gewerkschaftsblätter.

Nach einem Studium am so genannten «Roten Kloster» - der Abteilung Journalistik an der Leipziger Universität - besuchte Schabowski Ende der sechziger Jahre die Parteischule in Moskau. Der Grundstein für eine Karriere innerhalb der SED war somit gelegt.

Karriere beim «ND»
Schon kurz nach seiner Rückkehr aus Moskau übertrug man Schabowski den Stellvertreter-Posten beim SED-Zentralorgan «Neues Deutschland». Knapp zehn Jahre später, 1978, wurde er Chef des parteihörigen Massenblatts.

In den achtziger Jahren machte Schabowski auch innerhalb der SED rasch Karriere. Seit 1981 war er Mitglied des Zentralkomitees, 1984 gelang ihm der Aufstieg in das Politbüro und damit in den engsten Führungszirkel der Partei. Mit wachsendem Einfluss galt Schabowski neben Egon Krenz als einer der möglichen Nachfolger von Erich Honecker.

Seine einflussreiche Stellung im DDR-Machtapparat sorgte dafür, dass der Zorn der Demonstranten Schabowski im Herbst 1989 mit voller Wucht traf - dies, obwohl er zu den wenigen DDR-Spitzenpolitikern gehörte, die sich der Kritik stellten. Schabowski ging auf die Strasse, empfing als erster aus der Parteispitze Abgesandte des «Neuen Forums» und stellte sich auf der Grosskundgebung am 4. November 1989 den aufgebrachten Massen.

Schabowski öffnet die Mauer
Vor Journalisten äusserte er sich in den Wendetagen offen und zwanglos - auch in jener Pressekonferenz, die ihn wenigstens für einige Tage im Herbst 1989 weltberühmt machte. Auf einer Pressekonferenz am Abend des 9. November verkündete er - eher beiläufig - die Öffnung der Grenzen. Um die genauen Umstände seiner Äusserungen ranken sich bis heute Gerüchte. Fest steht, dass noch am selben Abend Hunderttausende die Grenzübergänge zwischen beiden Ländern stürmten. Das Ende der DDR war eingeläutet.

Nach der Wende zog sich Schabowski zunächst zurück und blieb auch lange unbehelligt. Er suchte und fand eine einfache Anstellung als Layouter bei einem Anzeigenblatt in Hessen. Immer wieder wurde er als Vertreter des DDR-Machtapparates zu Interna befragt - und gab bereitwillig Auskunft. Auch in solchen Interviews leugnete er nie seine Verantwortung.

Anklage wegen der Todesschüsse
Erst im Frühjahr 1995 wurde Schabowski zusammen mit sechs weiteren Mitgliedern des SED-Politbüros - unter ihnen Egon Krenz - wegen der Todesschüsse an der Grenze angeklagt. Einer der Angeklagten starb, drei schieden wegen Krankheit aus. Die verbliebenen drei Angeklagten - Schabowski, Krenz und Günther Kleiber - lieferten sich während der Verhandlung immer wieder einen heftigen Schlagabtausch.

Auch ihre Schlussworte waren höchst unterschiedlich: Während Krenz von «Siegerjustiz» sprach und der bundesdeutschen Justiz das Recht absprach, über die Vorkommnisse zu urteilen, bekannte sich Schabowski zu seiner moralischen Schuld. Nichts könne rechtfertigen, so Schabowski, dass auch nur ein einziger Flüchtling, «der uns den Rücken kehren wollte, dafür mit dem Leben bezahlen musste». Kleiber hingegen dankte lediglich für den sachlichen und fairen Prozess.

Begnadigung im Jahr 2000
Das Landgericht Berlin verurteilte Schabowski und Kleiber schliesslich zu dreijährigen Haftstrafen, Krenz erhielt sechs Jahre und sechs Monate. Schabowski und Kleiber wurden im Jahr 2000 durch den damaligen Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen begnadigt und aus dem offenen Vollzug der Haftanstalt Hakenfelde entlassen.

Im Wahlkampf 2001 sorgte Schabowski für Aufsehen, als er sich für die CDU engagierte, um die Möglichkeit einer rot-roten Landesregierung aus SPD und SED-Nachfolgepartei PDS zu bekämpfen.

Schabowski lebt mit seiner Frau Irina in Berlin und schreibt unter anderem Bücher.

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Markus Wolf - Generaloberst der DDR, langjähriger Geheimdienst- und Spionagechef

Bild: Deutsches Bundesarchiv

Wolf, geboren 1923 in Hechingen und gestorben 2006 in Berlin, war der Sohn des jüdischen Kommunisten, Dramatikers und Arztes Friedrich Wolf. Sein Bruder war der bekannte DDR-Regisseur Konrad Wolf.

Wolfs Vater, später die gesamte Familie, verliess Deutschland 1933. Nach Stationen in Österreich, der Schweiz und Frankreich emigrierte die Familie schliesslich in die Sowjetunion.

Markus Wolf erhielt dort eine Ausbildung auf der Kominternschule in Baschkirien und studierte später in Moskau Flugzeugbau. 1942 wurde er Mitglied der KPD.

Im Mai 1945 kehrte Wolf mit der «Gruppe Ulbricht» - einer Gruppe von KPD-Funktionären, die zunächst in Berlin, später in der gesamten sowjetischen Besatzungszone die Gründung von Parteien, Organisationen und Gewerkschaften vorbereiten sollte - zurück nach Deutschland. Nach Stationen als Journalist und als Diplomat in Moskau wurde Wolf 1952 Chef der Aussenpolitischen Nachrichtendienstes der DDR.

Stellvertreter von Stasi-Minister Mielke
1956 übernahm er die so genannte Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) - den berüchtigten Auslandsnachrichtendienst der DDR. Gleichzeitig war er einer der Stellvertreter von Erich Mielke, dem Minister für Staatssicherheit.

Wolfs Spionagestrategie war vor allem darauf ausgerichtet, Agenten in die Machtzentralen der westdeutschen Gesellschaft einzuschleusen. Seine Agenten wurden angehalten, zunächst einflussreiche Stellungen einzunehmen und erst dann ihre Spionagetätigkeit aufzunehmen. Zu den ersten Agenten, die Wolf rekrutierte, gehörte Günter Guillaume. Die Enttarnung des späteren Kanzlerreferenten führte 1974 zum Rücktritt von Willy Brandt als Bundeskanzler.

Stasi-«Romeos» für einsame Frauen
Besonders erfolgreich war auch Wolfs «Romeo»-Strategie: Auf einsame Frauen - häufig Sekretärinnen - in einflussreichen Positionen wurden potente Stasi-Offiziere - die «Romeos», angesetzt, um so an brisante Informationen zu gelangen. Die Taktik war vielfach erfolgreich. 

Wolf führte Regie über rund 4000 Auslandsagenten - mit der «Präzision eines Schachspielers», wie ihm auch Kritiker durchaus mit Respekt bescheinigten. Allein in der HVA unterstanden ihm 1200 hauptamtliche Mitarbeiter.

«Mann ohne Gesicht»
Im Westen war Wolf lange Jahre der «Mann ohne Gesicht», erst Ende der siebziger Jahre konnte er bei einem Besuch in Stockholm enttarnt werden.

1986 trat Wolf angeblich auf eigenen Wunsch von seinem Amt zurück, ein Jahr später quittierte er den aktiven Dienst im Ministerium für Staatssicherheit. In einem «Spiegel»-Interview dementierte er 1989, der Rücktritt sei aufgrund gesundheitlicher Probleme erfolgt. Wolf gab an, er habe sich einem Projekt seines verstorbenen Bruders Konrad widmen wollen - der Verfilmung des Lebens dreier Emigrantenfamilien und ihrer Söhne.

Wolf setzte das Vorhaben schliesslich als Buch um. «Troika» erschien 1989 und überraschte durch kritische Offenheit. Wolf bekundete darin Sympathien mit der Reformpolitik Gorbatschows in der Sowjetunion, kritisierte das Vorgehen gegen Wolf Biermann und sprach sich für eine offenere Diskussionskultur in der DDR aus.

Mitverantwortung eingeräumt
Im September 1989 räumte Wolf in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» eine Mitverantwortung an den Mängeln in der DDR ein und forderte, man müsse sich angesichts der Fluchtwelle mit den Ursachen beschäftigen. Nach dem Sturz Erich Honeckers traf sich Wolf mit führenden DDR-Bürgerrechtlern wie Bärbel Bohley.

Bei seinem Auftritt vor den Hunderttausenden Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 wurde er ausgepfiffen. Sein Bekenntnis zu seiner Vergangenheit und die Bitte, Stasi-Mitarbeiter nicht «zu den Prügelknaben der Nation» zu machen, blieben ungehört.

Wolf übernahm nach der Wende keine politischen Ämter mehr. Entsprechende Aufforderungen der DDR-Übergangsregierung lehnte er ab.

Mehrere Haftbefehle
Weil Wolf in der Bundesrepublik ein Haftbefehl wegen Spionage drohte, setzte er sich noch vor der Vereinigung in die Sowjetunion ab. Von dort kehrte er 1991, nach dem Putsch in Moskau, wieder nach Deutschland zurück. Nach kurzer Untersuchungshaft wurde der Haftbefehl wenig später gegen Kaution und Auflagen aufgehoben.

Eine erneute Anklage der Bundesanwaltschaft wegen Landesverrats und Bestechung endete 1993 mit einer Verurteilung zu sechs Jahren Haft. Wegen eines ausstehenden Urteils zum Umgang mit Spionen eines untergegangenen Staates blieb das Urteil aber vorläufig. 1995 - das Bundesverfassungsgericht hatte entschieden, dass DDR-Spione nur eingeschränkt strafrechtlich verfolgt werden können - wurde das Urteil gegen Wolf aufgehoben.

Für ein weiteres Delikt - die Verschleppung eines fahnenflüchtigen Stasi-Offiziers - wurde Wolf 1997 schliesslich zu zwei Jahren Haft verurteilt. Die Strafe wurde jedoch zur Bewährung ausgesetzt.

Öffentlichkeit suchte Wolf in den neunziger Jahren immer wieder in Talkshows und über seine Arbeit als Autor. Der Vater von vier Kindern starb am 9. November 2006 - dem 17. Jahrestag des Mauerfalls - im Alter von 83 Jahren in seiner Wohnung in Berlin-Mitte.

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