(Keystone)
Die Köpfe der Wende - und was aus ihnen wurde
Nicht einmal ein Jahr dauerte es von jenen bewegenden Tagen im Herbst 1989 bis zur Vereinigung beider deutscher Staaten am 3. Oktober 1990. Wer waren damals die Wortführer? Wer traf wichtige Entscheidungen? Wer überstand die Wendezeit, wer nicht? Ein Überblick.
| Bärbel Bohley Christian Führer Hans-Dietrich Genscher Michail Gorbatschow | Stefan Heym Helmut Kohl Egon Krenz Lothar de Maiziere | Jens Reich Günter Schabowski Markus Wolf |
| Bärbel Bohley - Bürgerrechtlerin, Mitbegründerin des Neuen Forum | |
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Bärbel Bohley, geboren 1945, wurde 1989 zu einer der Symbolfiguren der friedlichen Revolution in der DDR. Die freischaffende Malerin und Grafikerin engagierte sich bereits Anfang der 80er Jahre in der DDR-Opposition, zunächst in der Gruppe «Frauen für den Frieden». Ende 1983 verbrachte sie wegen «landesverräterischer Nachrichtenübermittlung» einige Wochen in Untersuchungshaft im Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Zusammen mit anderen Oppositionellen gründete sie die Ost-Berliner Initiative «Für Frieden und Menschenrechte», die sich zusammen mit der Kirche für die Demokratisierung des öffentlichen Lebens einsetzte. 1988 kam sie erneut für mehrere Wochen nach Hohenschönhausen. Aufruf «Die Zeit ist reif» Zusammen mit anderen Oppositionellen unterzeichnete Bohley im September 1989 den Aufruf «Die Zeit ist reif» - ein leidenschaftliches Plädoyer für gesellschaftlichen Wandel in der DDR. Zu der von Bohley mitbegründeten Bürgerbewegung Neues Forum bekannten sich im Herbst 1989 binnen kurzer Zeit rund 200 000 Menschen. Nach der Wende wurde es politisch still um Bohley. Die Wiedervereinigung begleitete sie kritisch. Zusammen mit anderen Bürgerrechtlern setzte sie sich für einen weiteren freien Zugang zu den Stasi-Unterlagen ein und warnte vor einer Verharmlosung der SED-Diktatur. 1994 trat Bohley als Spitzenkandidatin des Neuen Forums zur Europawahl an. 2002 unterstützte sie im Bundestagswahlkampf die FDP. Arbeit in Ex-Jugoslawien In den neunziger Jahren betreute Bohley als offizielle Beauftragte die Rückkehr der Kriegsflüchtlinge aus dem deutschsprachigen Raum nach Bosnien-Herzegowina. Lange lebte Bohley mit dem aus Bosnien-Herzegowina stammenden Lehrer Dragan Lukic in Kroatien. Seit 2008 lebte sie wieder in Berlin. Am 11. September 2010 erlag Bohley einem Krebsleiden. Zurück zur Übersicht |
| Christian Führer - Pfarrer, Mitinitiant der Montagsdemonstrationen |
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Führer, geboren 1943 und seit 1980 Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche, öffnete seine Kirche Anfang der achtziger Jahre für die Friedensgebete, die sich vor allem gegen das Wettrüsten in West und Ost richteten. In der DDR verbanden sich diese Gebete allerdings auch immer mit dem Wunsch nach Demokratisierung und Gerechtigkeit. |
| Hans-Dietrich Genscher - langjähriger Aussenminister, Entspannungspolitiker |
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Genscher, geboren 1927 in einem Vorort von Halle/Saale und Anfang der fünfziger Jahre in den Westen übergesiedelt, war insgesamt 23 Jahre Aussenminister der Bundesrepublik Deutschland. Sein Name ist untrennbar verbunden mit dem Ende des Kalten Krieges und den Verhandlungen zur deutschen Einheit. Der FDP-Politiker Genscher - Markenzeichen gelber Pullunder - zeigte sich seit seinem Amtsantritt als Aussenminister im Jahr 1974 als geschickter Anwalt eines Ausgleichs zwischen Ost und West. Zu seinen erklärten aussenpolitischen Zielen gehörte es, geduldig an der Entspannungspolitik festzuhalten. In den 1980er-Jahren suchte er den Dialog mit der neuen sowjetischen Führung unter Michail Gorbatschow. 1989 gehörte Genscher zu jenen Politikern, die die Reformprozesse in Polen und Ungarn von Beginn an unterstützten. Als Aussenminister und Exponent der FDP rief er wenig später die Verantwortlichen in der DDR zum Umdenken auf und dankte der ungarischen Führung für ihre Haltung bei der Ausreise der DDR-Flüchtlinge. Auftritt in der Prager Botschaft Unvergessen ist sein Auftritt in der Prager Botschaft der BRD am 30. September 1989: Vom Balkon der Botschaft überbrachte er den tausenden auf dem Botschaftsgelände ausharrenden DDR-Flüchtlingen die Nachricht von ihrer bevorstehenden Ausreise. Die Szene, in der Genschers letzte Worte bereits im Jubel der Flüchtlinge untergehen, wird praktisch in jeder Rückblickssendung zum Mauerfall gezeigt. In den dramatischen Wochen im Herbst 1989 gehörte Genscher zu den Politikern, die die Chance für einen Durchbruch in der deutschen Frage erkannten und alles daran setzten, im Ausland die Vorbehalte gegen ein vereintes Deutschland abzubauen. Als das «am tiefsten bewegende Ereignis der ganzen Amtszeit» bezeichnete Genscher später den Austausch der Ratifikationsurkunde für den 2+4-Vertrag im Mai 1991 in Moskau - das Abkommen über Deutschlands Souveränität. Abgeordneter bis 1998 Genscher blieb noch bis 1992 Aussenminister und bis 1998 Mitglied des Bundestages. Nach seinem politischen Abschied übernahm er bis 2004 den Aufsichtsratsvorsitz einer von ihm gegründeten Kommunikationsberatung für Wirtschaft, Medien und Politik. Ausserdem gründete er die Hans Dietrich Genscher Consult - eine Firma, die Unternehmen mit Auslandsplänen berät. Genscher ist Ehrenvorsitzender der FDP. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Bonn. Zurück zur Übersicht |
| Michail Gorbatschow - Sowjetischer Reformpolitiker («Glasnost» und «Perestroika») |
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Gorbatschow, geboren 1931 in Priwolnoje im Nordkaukakus, gehört zu den einflussreichsten Figuren der Wendejahre. Für seine Verdienste im Friedensprozess erhielt er 1990 den Friedensnobelpreis. Der studierte Jurist hatte gleich nach dem Ende seines Studiums eine Parteikarriere eingeschlagen. 1980 wurde er Vollmitglied des Politbüros - dem eigentlichen Machtzentrum von Partei und Staat. Im März 1985, nach dem Tod des damaligen KPdSU-Generalsekretärs Viktor Tschernenko, wurde Gorbatschow einstimmig zu dessen Nachfolger gewählt. Kaum im Amt, übte der neue Kremlchef Kritik an den Missständen in Innen- und Wirtschaftspolitik. Zahlreiche Funktionärskader verloren ihre Posten. Glasnost und Perestroika Für grosse Aufmerksamkeit sorgte Gorbatschows Programm eines grundlegenden Umbaus («Perestroika») der wirtschaftlichen Verhältnisse. Mit dem Programm sollten unter anderem Eigeninitiative und Eigenverantwortung gefördert werden. Ausserdem vorgesehen: die Einführung marktwirtschaftlicher Elemente und eine grössere Anpassung der Produktion an die Nachfrage. Für mindestens ebenso viel Aufsehen sorgte das von Gorbatschow vorangetriebene Prinzip «Glasnost», übersetzt etwa Offenheit oder Transparenz, in der Informationspolitik - für sowjetische Verhältnisse ein absolutes Novum. Auch aussenpolitisch zog mit Gorbatschow ein neuer Geist im Kreml ein. So sorgte er bereits kurz nach Amtsantritt für eine Entspannung des frostigen Verhältnisses zu den USA. Die neue Linie schlug sich unter anderem in einer Reihe von Abrüstungsinitiativen nieder und führte schliesslich zum Ende des Kalten Krieges. DDR skeptisch Gorbatschows Reform- und Entspannungspolitik blieb nicht ohne Wirkung auf die anderen sozialistischen Staaten - namentlich die DDR. Von der alten Führung wurde die Entwicklung unter Gorbatschow allerdings äusserst kritisch betrachtet - was sich unter anderem im Verbot der Zeitschrift «Sputnik» zeigte. In dieser von der sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti in mehreren Sprachen herausgegebenen Zeitschrift wurde Ende der 1980er-Jahre auch offen über die Umwälzungen oder über Verbrechen Stalins berichtet. Die DDR-Führung zog Ende 1988 die Konsequenzen und verbot das Magazin - für viele DDR-Bürger ein Hohn. Symbolträchtig war auch Gorbatschows Auftritt zum 40. Jahrestag der DDR in Berlin. Während sich die DDR-Führung scheinbar unbeirrt mit Paraden und Gala-Essen feierte, protestierten nebenan zehntausende wütender Demonstranten und riefen «Gorbi, Gorbi». Schon kurz nach Gorbatschows Besuch wurde Erich Honecker in der DDR gestürzt, wenig später stürzte der einstige Machtapparat vollkommen in sich zusammen. Vorbehalte gegen Vereinigung Gorbatschow äusserte in den darauffolgenden Verhandlungen grosse Vorbehalte gegen eine deutsche Vereinigung. Er favorisierte zunächst das Fortbestehen zweier souveräner deutscher Staaten, später eine Föderation. Gedrängt vom Lauf der Ereignisse stimmte er aber schliesslich der Wiedervereinigung zu. Innenpolitisch geriet Gorbatschow zunehmend unter doppelten Druck: Einerseits bedrängten ihn jene, denen seine Reformen zu zögerlich waren. Andererseits rebellierten die, denen seine Einschnitte zu weit gingen. Zudem brachen jahrzehntelang aufgestaute Nationalitätenprobleme auf. Im August 1991 versuchten konservative Politiker und Militärs, Gorbatschow zu stürzen. Der Putsch scheiterte am Widerstand der Opposition unter Boris Jelzin. Kurzzeitig wurde Gorbatschow zwar ins Amt des Staatspräsidenten eingesetzt. Nach der Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und dem damit besiegelten Ende der Sowjetunion trat er Ende Dezember 1991 aber zurück. Stiftung gegründet Gorbatschow wurde danach Vorsitzender einer nach ihm benannten Stiftung, die soziale, wirtschaftliche und politische Forschungen ermöglicht. Eine Kandidatur für das Präsidentenamt im Jahr 1996 scheiterte. 2008 gründete er zusammen mit dem russischen Oligarchen Alexander Lebedjew die Unabhängige Demokratische Partei Russlands. Seit dem Tod seiner Frau Raissa lebt Gorbatschow in der Nähe seiner Tochter Irina in Moskau. Zurück zur Übersicht |
| Stefan Heym - Schriftsteller, Politiker, Mahner |
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Heym, geboren 1913 in Chemnitz und gestorben 2001 in Jerusalem, hiess eigentlich Helmut Flieg. Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns verlor mehrere Mitglieder seiner Familie in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten. Flieg floh als junger Mann in den dreissiger Jahren zunächst nach Prag, wo er als Journalist arbeitete und sich aus Rücksicht auf seine Familie das Pseudonym Stefan Heym zulegte. 1935 siedelte er in die USA über. Dort trat er Anfang der vierziger Jahre in die Armee ein, wurde zum Sergeanten befördert und als Angehöriger der amerikanischen Besatzungsmacht vorübergehend sogar nach Deutschland versetzt. Aus den USA in die DDR Aus Protest gegen die anti-kommunistischen Strömungen unter Senator Joseph McCarthy verliess Heym 1952 die USA. Über Prag siedelte er mit seiner amerikanischen Frau in die noch junge DDR über, wo er als Schriftsteller und Zeitungskolumnist arbeiteten konnte. Obwohl er durchaus kritische Texte veröffentlichte und sich keiner Partei anschloss, blieb Heym lange Zeit ein von der DDR-Führung anerkannter Autor. Dabei, so schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» 1994, schützte den unbequemen Mahner wohl auch sein internationales Renommee als «bekannteste Unperson der DDR». Die meisten seiner Bücher liess Heym dennoch im Westen drucken - unter anderem «Fünf Tage im Juni», eine kritische Darstellung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR. Im Westen wurde er rasch zum meistgelesenen Autor der DDR. Solidarität mit Biermann 1976 unterzeichnete auch Heym die Solidaritätserklärung für den ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann. Die Geduld der DDR-Führung mit dem unbequemen Autor schien nun am Ende. Wenig später wurde Heym wegen eines Devisenvergehens verurteilt und daraufhin aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen - ein offensichtlich vorgeschobener Grund, den Schriftsteller zu kriminalisieren. Gehör verschaffte er sich fortan vor allem im Westen. Anfang November 1989 wurde Heym von Hunderttausenden Demonstranten auf dem Berliner Alexanderplatz begeistert begrüsst und für seine Rede über einen «neuen, den besseren Sozialismus in der DDR» bejubelt. Heym - der sich nach dem Mauerfall zunehmend angewidert vom Kaufrausch seiner ostdeutschen Landsleute zeigte - vertrat diese Haltung auch in den Wochen und Monaten der Wende, als sich die Rufe der Demonstranten längst von «Wir sind das Volk» zu «Wir sind ein Volk» geändert hatten. Kandidat der PDS für den Bundestag Heym gehörte zu den Mitinitianten des Aufrufs «Für unser Land» und gründete 1992 das «Komitee für Gerechtigkeit» mit. Für die Bundestagswahl 1994 liess er sich von der SED-Nachfolgepartei PDS als parteiloser Kandidat im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg aufstellen und setzte sich dort gegen den populären ostdeutschen Politiker Wolfgang Thierse durch. Heym wurde im Parlament Alterspräsident. Dieser hält traditionell die Eröffnungsrede. Heyms Auftritt wurde von erneuten Anfeindungen überschattet: Ein in der Berliner Stasi-Behörde aufgetauchtes Dokument bezichtigte ihn der Stasi-Mitarbeit. Heym wies die Anschuldigungen zurück. Seiner Eröffnungsrede versagte praktisch die gesamte Unions-Fraktion den Applaus. Kurzer Aufenthalt in der Politik Schon ein Jahr nach der Wahl legte Heym sein Bundestagsmandat wieder nieder. Aus Protest gegen die geplante Diätenerhöhung der Abgeordneten verabschiedete er sich aus der Politik. Zuletzt veröffentlichte Heym im Jahr 2000 den schon 1965 abgeschlossenen Roman «Die Architekten», der in der DDR nicht erscheinen durfte. Ein Jahr später, im Dezember 2001, nahm Heym an einer Konferenz in Jerusalem teil und erlag dort einem Herzversagen. Zurück zur Übersicht |
| Helmut Kohl - «Kanzler der Einheit» |
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Helmut Kohl wurde 1930 als das jüngste von drei Kindern eines Finanzbeamten und einer Lehrerin in Ludwigshafen geboren. Sein Elternhaus nannte er selbst einmal «katholisch, aber gleichzeitig liberal - und gemässigt national». Kohl, der in Frankfurt und Heidelberg studierte und 1958 als Dr. phil. abschloss, ging zunächst in die Wirtschaft - erst als Assistent einer Eisengiesserei, später in einen Chemie-Branchenverband. CDU-Mitglied mit 16 Schon früh engagierte sich Kohl auch politisch. 1947 schloss er sich in Ludwigshafen der Jugendorganisation der CDU, der Jungen Union, an. In seinem Bundesland Rheinland-Pfalz machte Kohl rasch Karriere. Als bundesweit jüngster Politiker wurde er 1969 zum Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz gewählt. Auch auf bundespolitischer Ebene stieg Kohl rasch auf. Nachdem er 1971 noch unterlegen war, machte ihn seine Partei zwei Jahre später zum Bundesvorsitzenden der CDU. 1976 übernahm er den Vorsitz der CDU-/CSU-Fraktion im Bundestag und wurde so zum Oppositionsführer gegen die sozialliberale Koalition von Bundeskanzler Helmut Schmidt. Als diese 1982 über sozial- und wirtschaftspolitischen Differenzen zerbrach, wählte der Bundestag Kohl über ein von der Union angestossenes so genanntes konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt zum neuen Kanzler. Auf dem Weg zum ewigen Kanzler Kohl führte fortan eine Regierungskoalition, die aus den beiden Unionsparteien und der FDP bestand. Obwohl er anfangs stark unterschätzt wurde, schaffte er es in diesem Amt quasi zum «ewigen Kanzler». Das Jahr 1989, das ihn schliesslich zum «Kanzler der Einheit» machte, begann für Kohl zunächst mit politischen Widerständen. Vor allem die innerparteiliche Kritik an seinem Führungsstil war gross - sie steigerte sich bis zum Versuch, ihn als Parteivorsitzenden abzulösen. Gunst der Stunde erkannt Die Ereignisse in der DDR und in Osteuropa gaben seiner Kanzlerschaft schliesslich aber eine unerwartete Wende. Kohl - das attestieren ihm auch Kritiker - erkannte in diesen wenigen Wochen und Monaten zweifellos die vermutlich einzigartigen historischen Gegebenheiten, die deutsche Einheit durchzusetzen. Quasi im Alleingang legte Kohl Ende November 1989 einen Zehn-Punkte-Plan zu einer bundesstaatlichen Vereinigung beider deutscher Staaten vor. Der Plan, der Weggefährten wie politische Gegner gleichermassen überraschte, sah zunächst konföderative Zwischenziele vor. Schon wenige Wochen später - spätestens bei einem Dresden-Besuch im Dezember 1989, den Kohl später als «Schlüsselerlebnis» auf dem Weg zur deutschen Einheit bezeichnete - erkannte er aber die günstigen Chancen für eine sofortige Herstellung der deutschen Einheit. Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Ausland Die durchaus vorhandenen Widerstände im Ausland konnte Kohl mit viel Fingerspitzengefühl abbauen - vor allem in bilateralen Konsultationen. So konnte Kohl dem französischen Präsidenten Francois Mitterand glaubwürdig versichern, dass er ein vereintes Deutschland nicht nur eng in die Europäische Gemeinschaft einbinden, sondern diese auch weiterentwickeln wolle. Seine Entschlossenheit, das vereinte Deutschland in der Nato zu halten, gewann den amerikanischen Präsidenten George Bush senior. Das entscheidende Kunststück - dafür schliesslich auch noch die Zustimmung des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow zu bekommen - gelang Kohl schliesslich zusammen mit seinem Aussenminister Hans-Dietrich Genscher bei ihrem Staatsbesuch im Juni 1990 in der UdSSR. Höhepunkt seiner Karriere Der 3. Oktober 1990, an dem Deutschland nur knapp elf Monate nach dem Mauerfall die deutsche Einheit feierte, war schliesslich der Höhepunkt der politischen Karriere Kohls. In den Bundestagswahlen von 1990 und 1994 wurde Kohl jeweils im Amt bestätigt. In beiden Legislaturperioden versuchte er, das vereinte Deutschland zu konsolidieren und im europäischen Einigungsprozess zu verankern. Letzteres gelang ihm. Die wirtschaftlichen Herausforderungen aber stellten sich als immens heraus. Die «blühenden Landschaften», die Kohl versprochen hatte, liessen auf sich warten - vor allem viele Ostdeutsche reagierten angesichts wirtschaftlicher Probleme und wachsender Arbeitslosigkeit mit Einheitsfrust. Bei den Bundestagswahlen 1998 wurde Kohls schwarz-gelbe Koalition abgewählt. Er trat noch am Wahlabend als Bundesvorsitzender der CDU zurück, wurde aber gleichzeitig zum Ehrenvorsitzenden seiner Partei gewählt. Spendenaffäre ramponiert sein Ansehen Kohls Ansehen nahm in den darauffolgenden Jahren durch die Spendenaffäre seiner Partei grossen Schaden, die von 1999 nach und nach ans Licht kam. Damals wurde bekannt, dass führende Mitglieder in Kohls Partei jahrelang Spenden an die CDU auf geheimen Konten deponiert hatten, ohne dies zu melden - ein Verstoss gegen das Parteiengesetz. Kohl räumte ein, von den Konten gewusst und über mehrere Jahre hinweg selbst bis zu zwei Millionen Mark entgegengenommen zu haben, ohne dies zu deklarieren. Bis heute weigert sich Kohl, die Namen der Spender zu nennen - er verweist auf sein «Ehrenwort». Nachdem sich die neue Parteispitze um Wolfgang Schäuble und Angela Merkel schliesslich von ihm distanzierte, legte Kohl den Ehrenvorsitz seiner Partei nieder - ein beispielloser Vorgang. Ein Ermittlungsverfahren in der Sache gegen Kohl wurde 2001 gegen Zahlung einer Geldbusse eingestellt. Abschied von der Politik Am 12. September 2002 nahm Kohl an seiner letzten Plenarsitzung als Abgeordneter des Deutschen Bundestages teil, mit dem Ende der Legislaturperiode schied er aus dem Parlament aus. Für sein europapolitisches Engagement ist Kohl hochdekoriert worden. Bereits 1988 erhielt er für seine Verdienste um die französisch-deutsche Freundschaft und für die Zukunft Europas zusammen mit François Mitterrand den Aachener Karlspreis. Die Europäische Union ernannte ihn 1998 zum «Ehrenbürger Europas» - ein Titel, der zuvor nur Jean Monnet, dem «Gründervater» der europäischen Einheit, verliehen wurde. Kohl, der nach dem Tod seiner Frau Hannelore 2001 im Jahr 2008 noch einmal geheiratet hat, lebt in Oggersheim und Berlin. Zurück zur Übersicht |
| Egon Krenz - DDR-Funktionär, Honecker-Nachfolger für wenige Wochen |
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Krenz, geboren 1937 in Kolberg in Pommern, gehörte spätestens seit den achtziger Jahren zu den einflussreichsten Funktionären im DDR-Machtapparat. Der ausgebildete Lehrer, der auch die Parteischule in Moskau besuchte, legte seit 1959 eine steile Karriere innerhalb der DDR-Jugendorganisation FDJ hin, ab 1974 war er ihr Vorsitzender. Parallel dazu übernahm er auch innerhalb der SED immer einflussreichere Ämter. Seit Anfang der achtziger Jahre rückte er in die Position des Sekretärs des Zentralkomitees der Partei auf und wurde Vollmitglied des SED-Politbüro. Beide Gremien - Zentralkomitee (ZK) und Politbüro - waren die eigentlichen Machtzentren im politischen System der DDR. Spätestens seit Mitte der achtziger Jahre galt Krenz als der zweite Mann hinter ZK- und Politbüro-Chef Honecker und als dessen potenzieller Nachfolger. Als Honecker seinen Posten im Oktober 1989 räumen musste, wurde Krenz denn auch als neuer Spitzenmann installiert - wenn auch nur für wenige Wochen. Sein Versuch, Reformen anzustossen und die SED so an der Macht zu halten, blieb in den Wendewochen erfolglos. Anfang Dezember 1989 traten das gesamte Zentralkomitee und das Politbüro zurück. Krenz' Karriere im höchsten Amt der DDR war somit rasch beendet. Anklage wegen Totschlags Anfang der neunziger Jahre konzentrierte sich das öffentliche Interesse an Krenz vor allem auf Zeugenaussagen, die er in Prozessen gegen andere Exponenten des DDR-Systems machte. Wegen den Todesschüssen an der Berliner Mauer musste Krenz sich ab 1995 dann selbst vor Gericht verantworten. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte gegen insgesamt sieben Mitglieder des einstigen Politbüros wegen mehrfachen und gemeinschaftlichen Totschlags Anklage erhoben. Krenz wies die Vorwürfe zurück. Der bundesdeutschen Justiz sprach er zudem das Recht ab, über einstige DDR-Bürger ein Urteil zu fällen. Zudem, so Krenz, habe die DDR in Grenzfragen gar nicht eigenmächtig entscheiden können - selbst nach dem Amtsantritt Michail Gorbatschows habe das Grenzregime nicht ohne weiteres geändert werden können. Sechs Jahre Haft Am 25. August 1997 wurde Krenz vom Landgericht Berlin zu einer Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Auf politischer Ebene wurde das Urteil auf breiter Front begrüsst. Krenz selbst sprach von «Siegerjustiz». Seine Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg hatte allerdings keinen Erfolg. Die Begründung der Strassburger Richter war eindrücklich: Ihrer Auffassung nach hatte auch die DDR internationale Menschenrechte anerkannt. Daran, so die Richter, müssten sich einstige Repräsentanten auch nach dem Untergang ihres Landes noch messen lassen. Krenz: «Urteil, aber kein Recht» Krenz zeigte sich uneinsichtig: Er habe ein Urteil bekommen, aber kein Recht. Er verbüsste den grössten Teil seiner Haftstrafe als Freigänger in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee. Im Dezember 2003 wurde er in die Freiheit entlassen. Krenz lebt mit seiner Frau in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern. Er hat seither zwei Bücher geschrieben. Zurück zur Übersicht |
| Lothar de Maiziere - Letzter Ministerpräsident der DDR |
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De Maiziere, geboren 1940 in Nordhausen, wuchs in einem, wie er sagt, «aufgeklärten protestantischen Elternhaus» auf. Sein Glauben verbaute ihm beinahe das Abitur in der DDR. Am 10. November, einen Tag nach dem Mauerfall, trat der Parteivorsitzende der DDR-CDU von seinem Amt zurück. Als Zeichen des Neuanfangs wurde der als unbelastet geltende de Maiziere mit grosser Mehrheit zu seinem Nachfolger gewählt. Kurz nach den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen im Dezember 1990 - de Maiziere zog für die Brandenburger CDU ins Parlament ein - enthüllte das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» Stasi-Vorwürfe gegen de Maiziere, die dieser zurückwies. |
| Jens Reich - Molekularbiologe, Bürgerrechtler, Politiker |
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Reich, geboren 1939 in Göttingen als Sohn eines Arztes und einer Heilgymnastin, wuchs in Halberstadt (heute Sachsen-Anhalt) auf. Nach dem Abitur studierte er an der Berliner Humboldt-Universität Medizin und liess sich danach zum Biochemiker ausbilden. Später verschlug es Reich ans Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch, bald übernahm er dort die Leitung der Abteilung für mathematische Biologie. 1979 trat er in Ost-Berlin eine Professur für Biomathematik an. Konflikt mit dem System Anfang der achtziger Jahre geriet Reich zunehmend in Konflikt mit der DDR-Führung. Ein privater «Freitagskreis» - eine Runde von rund 30 kritischen Geistern aus unterschiedlichen Berufen, die Reich bereits 1971 mitbegründet hatte - wurde spätestens seit den achtziger Jahren von der Stasi abgehört und quasi lückenlos protokolliert. Reich bekam die Repressionen des Systems zu spüren, als ihm 1984 die Leitung seiner Abteilung in Berlin-Buch entzogen wurde, weil er nicht in eine der Block-Parteien eintreten und seine Kontakte in den Westen nicht abbrechen wollte. Zusätzlich verwehrte man ihm weitere Reisen in den Westen - und nahm ihm damit die ohnehin bescheidene Chance, wissenschaftlich auf dem Laufenden zu bleiben. Mitunterzeichner von «Die Zeit ist reif» Im September 1989 gehörte Reich zu den Mitunterzeichnern des Aufrufs «Die Zeit ist reif», der im Hause der Bürgerrechtlerin Katja Havemann unterschrieben wurde. Darin wurden die Bürger der DDR aufgefordert, sich «an der Diskussion (...) lebenswichtiger Gesellschaftsprobleme in diesem Land zu beteiligen». Mit anderen begründete Reich zudem das Neue Forum als erste Bürgerbewegung der Wendezeit. Auf der grossen Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 formulierte Reich die Vision eines freiheitlichen, demokratischen Gemeinwesens. Spitzenkandidat des Neuen Forums Bei der letzten Volkskammerwahl der DDR trat Reich als Spitzenkandidat des Neuen Forums an. Der Einzug ins Parlament gelang aber nur im so genannten «Bündnis 90» zusammen mit den anderen beiden Oppositionsgruppen «Demokratie jetzt» und der «Initiative für Frieden und Menschenrechte». Die rasante politische Entwicklung in der DDR, die immer schneller auf eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten hindeutete, drängte die Bürgerrechtsbewegungen dann zunehmend an den Rand des Geschehens. Mit dem Ende der DDR zog sich Reich aus der Politik zurück. Das Angebot, bei der Bundestagswahl im Dezember 1990 für die Grünen zu kandidieren, lehnte er ab und kehrte zurück in seinen Beruf als Molekularbiologe. Gefragter Gesprächspartner In den Nachwendejahren war Reich ein gefragter Gesprächspartner, der sich immer wieder dafür aussprach, die Erfahrungen der Wendezeit nicht «wegzubügeln». 1993 wurde Reich von einer parteiübergreifenden Initiative als Kandidat für die Bundespräsidentenwahl ins Gespräch gebracht. Reich kandidierte schliesslich mit dem Mandat von Bündnis90/Die Grünen. Bei der Wahl - bei der er gegen den CDU-Kandidaten Roman Herzog und den SPD-Kandidaten Johannes Rau antrat - war er praktisch chancenlos, konnte aber mit seinem Abstimmungsergebnis von 62 Stimmen im dritten Wahlgang einen Achtungserfolg erzielen. Reich, der mit einer Internistin verheiratet ist und drei Kinder hat, ist unter anderem Mitglied des Deutschen Ethikrates und der Ethikkommission der Bundesärztekammer. Zurück zur Übersicht |
| Günter Schabowski - Politbüromitglied, «Verkünder» des Mauerfalls |
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Schabowski, geboren 1929 in Anklam in Mecklenburg, schlug nach dem Krieg zunächst eine journalistische Karriere ein. Der Sohn eines Klempners, der am Abend des 9. Novembers 1989 die Öffnung der Mauer verkündete, schrieb zunächst für verschiedene Gewerkschaftsblätter. In den achtziger Jahren machte Schabowski auch innerhalb der SED rasch Karriere. Seit 1981 war er Mitglied des Zentralkomitees, 1984 gelang ihm der Aufstieg in das Politbüro und damit in den engsten Führungszirkel der Partei. Mit wachsendem Einfluss galt Schabowski neben Egon Krenz als einer der möglichen Nachfolger von Erich Honecker. |
| Markus Wolf - Generaloberst der DDR, langjähriger Geheimdienst- und Spionagechef |
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Wolf, geboren 1923 in Hechingen und gestorben 2006 in Berlin, war der Sohn des jüdischen Kommunisten, Dramatikers und Arztes Friedrich Wolf. Sein Bruder war der bekannte DDR-Regisseur Konrad Wolf. Stasi-«Romeos» für einsame Frauen |











