Sehr geehrter, lieber Herr Haydn! Ich schreibe Ihnen diesen Brief, um mich von Ihnen persönlich zu verabschieden. Ein ganzes Jahr haben wir jetzt miteinander verbracht. Oder vielmehr: habe ich mich mit Ihnen beschäftigen dürfen. Ich wollte mich bei Ihnen für die vielen schönen Momente bedanken, die mir Ihre Musik in diesem Jahr geschenkt hat. Ihre Musik, die ich, wo ich sie schon kannte, noch einmal vollkommen neu zu hören gelernt habe. Und was ich nicht alles neu von Ihnen entdecken konnte! Die riesige Wunderwelt Ihrer Streichquartette, Ihre Lieder, Ihre Opern Wie ist das nur möglich, habe ich mich oft gefragt, dass jemand, der von Vertrags wegen dazu verpflichtet ist, so viel Output zu liefern, sich immer wieder etwas Neues einfallen lässt, nicht der Versuchung erliegt, es sich in der täglichen Routine bequem zu machen. Ich verstehe jetzt besser, warum Sie vielen Menschen ein Vorbild waren. Heute, am letzten Tag des Jahres, beschäftigt mich Ihre letzte Sinfonie, von der Sie geschrieben haben, sie sei «the 12th which I have composed in England». Wollten Sie wirklich nie mehr eine Sinfonie schreiben? Und ist das erste Thema im Finale wirklich ein kroatisches Volkslied, das Sie in Eisenstadt gehört haben? Und wenn ja, welches? Ich weiss, Sie werden mir nicht antworten. Und das erwarte ich auch gar nicht. Ich wollte mich ja auch nur persönlich von Ihnen verabschieden und mich bedanken. Also alles Gute & Adieu, lieber Herr HaydnP.S. Gestatten Sie mir noch eine letzte Frage, die ich mich eigentlich gar nicht zu stellen traue, weil ich ja die Jüngere bin von uns beiden. Wollen wir uns nicht endlich duzen? Mehr
Haydn heute: vom Donnerstag, 31.12.2009, 13.45 Uhr