SendetermineWeltklasse auf DRS 2 vom Freitag, 9.9.2011, 22.30 Uhr
Freitag, 9.9.2011, 22.30-23.30 Uhr, DRS 2
Dave Douglas am Jazz Festival Willisau
Dave Douglas. (Zoran Orlic)
Vor ein paar Jahren präsentierte der amerikanische Trompeter Dave Douglas, der innovativste Trompeter seiner Generation, ein wunderbares Projekt: Mit der Band Keystone vertonte er live einen Stummfilm aus den 1910er-Jahren. Nun ist Dave Douglas in Willisau mit einer weiteren Live-Vertonung des Films «Spark of Being» zu sehen und zu hören.
Diesmal arbeitet Douglas zusammen mit dem Filmemacher Bill Morrison und dessen Neuerzählung einer romantischen Schauergeschichte aus dem 19. Jahrhundert: Mary Shellys Frankenstein. Wenn der Jazz je tot war, so wird er an diesem Abend mit Sicherheit zum Leben erweckt.
Tragisches Wesen Frankenstein
Die aktuelle Musik von Dave Douglas Projekt «Keystone» dreht sich um Frankensteins Monster - nicht gerade eine Auseinandersetzung mit den aktuellen Problemen der Menschheit, könnte man meinen. Aber weil Dave Douglas diese fiktive Figur nicht einfach als tumbes Monster begreift sondern eher als tragisches Wesen (wie im Original von Mary Shelley), führt ihn die Geschichte direkt in das komplexe Thema von Wissenschaft und Menschlichkeit, von Erfindung und menschlicher Seele.
Dave Douglas: «Technical invention and humanity»
Douglas und Morrison: Musik trifft Film
Die Erfindung von Dave Douglas ist eine geniale Auseinandersetzung mit den Ideen des Experimentalfilmers Bill Morrison - und umgekehrt. Anders als beim letzten Projekt mit turbulenten und witzigen Stummfilmen aus der Ära von Bustor Keaton und Fatty Arbuckle konnte Douglas also diesmal mit einem zeitgenössischen Filmemacher zusammensitzen und gemeinsam etwas entwickeln.
Dave Douglas: «We both started at the same time»
Bild und Ton als sinvolle Einheit
Beide, Dave Douglas und Bill Morrison, sind für ihre Arbeit tief in die Archive gestiegen, und beide haben so gemeinsam ihre Auseinandersetzung mit der Frankenstein-Geschichte entwickelt. Der Film von Morrison behauptet im Titel und in den Zwischentiteln, die Geschichte von Frankensteins Monster zu erzählen, und genauso verweist auch Dave Douglas in seinen Stücktiteln auf den Frankenstein-Mythos - zu sehen und zu hören bekommt das Publikum aber eine Collage alten Filmmaterials, das für sich genommen mit der Frankenstein-Geschichte relativ wenig zu tun hat und das es sich aber dennoch - angeleitet vom Wissen um die Frankenstein-Geschichte und von der Musik von Dave Douglas - zu einer neuen, eigenen Frankenstein-Geschichte zusammensetzt. Zum Zuge kommt so ein Prinzip, das Dave Douglas beim Anschauen alter Fatty Arbuckle-Filme so richtig klar geworden ist: Unser Kopf will Bild und Ton zu einer sinnvollen Einheit kombinieren - egal, wie.
Dave Douglas: «Music and image want to go together»
Eine neue Stimme aus altem Sound
Das Publikum setzt sich also in «Spark of Being» seine eigenes Wesen zusammen, wird sozusagen selber zu Frankenstein - aber natürlich haben auch Dave Douglas und Bill Morrison sich intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und im Prozess durchaus konkret mit dem Material gearbeitet. So hat zum Beispiel Dave Douglas auf einem uralten Stück Film einen Sound gefunden, der für ihn zur Stimme von Frankensteins Schöpfung geworden ist.
Dave Douglas: «Voice of the creature»
Zurück von der Kreatur zum emotionalen Monster
Die Stimme von Frankensteins Monster war im Original von Mary Shelley noch durchaus gebildet, philosophisch und emotional, geriet aber im Verlaufe der Jahre und Filmfassungen zur Karikatur oder verstummte ganz, zu Gunsten der destruktiven, gefährlichen Seite einer Schöpfung, die ausser Kontrolle gerät. Dave Douglas gibt in seinem Projekt «Spark of Being» Frankensteins Monster seine Stimme zurück.
