Hermann Ungar: Biografische Daten

Hermann Ungar, um 1927.

Hermann Ungar wurde am 20. April 1893 als erster Sohn des Branntweinfabrikanten Emil Ungar (ca. 1852-1942) und dessen Frau Jeanette (geborene Kohn, 1867-ca. 1942; ihre Spuren verlieren sich in Auschwitz) im mährisch-jüdischen Ghetto von Boskowitz, einer Kleinstadt in der Nähe von Brünn, geboren.

Hermann Ungars Geburtshaus in Boskowitz, um 1886.
Der Vater galt als kunstsinniger, bildungsbegeisterter, um die Förderung seiner Kinder bemühter Mensch, wurde aber durch die Grabenkämpfe um nationale und konfessionelle Zugehörigkeiten zunehmend aufgerieben und flüchtete in Traumwelten; die Mutter litt seit ihrer Jugend an Diabetes und einer Augenkrankheit, die
sich nach ihrer Heirat verschlimmerte und später trotz mehrerer Operationen zur völligen Erblindung führte.

1894 Geburt des Bruders Felix (wurde ca. 1942 in Auschwitz ermordet)

1895 Geburt der Schwester Gertrud (emigrierte 1926 nach Palästina, starb 1946 überraschend in Tel Aviv)

1900-1903 Besuch der Boskowitzer deutschen Volksschule (zuvor war Hermann Ungar von seinem Vater unterrichtet worden)

Die Gymnasiasten Hermann Ungar (l.)
und Felix Loria, um 1908.

1903-1911 Privatist im II. deutschen Staats-Gymnasium in Brünn; lebt bis zur Matura in verschiedenen Brünner Privatpensionen; ist jährlich Klassenprimus und besteht die Matura als einziger „mit Auszeichnung“; gilt als brillant, witzig und immer zu Streichen aufgelegt, mit bereits damals erkennbaren Hang zum Sarkasmus; begeistert sich für Zionismus, Theater und Literatur.

Ungars tritt den jüdisch-nationalen Verbindungen «Veritas» und «Laetitia» bei, glücklich, im nationalen Judentum eine Lösung für seine Identitätsprobleme gefunden zu haben, die ihn, ausgelöst durch den damals grassierenden tschechischen Antisemitismus, seit seiner Kindheit belasteten; unternimmt erste schriftstellerische Versuche (Gedichte, historische Dramen), die heute verschollen sind.

Ungar (vorne rechts) im Kreis seines Turnvereins,
um 1908.

1911-1912 Studium der Orientalistik (lernte u. a. Hebräisch und Arabisch), Philosophie und, auf Drängen des Vaters, Nationalökonomie an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin; tritt der nationaljüdischen Studentenverbindung «Hasmonaä», lernt dort zwei lebenslange Freunde kennen, Gustav Krojanker und Ludwig Pinner

1912-1913 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

1913-1918 Fortsetzung des Studiums der Rechts- und Staatswissenschaften an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag; wird Mitglied und später Präses der jüdischen Studentenverbindung «Barissia»; bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet sich Hermann Ungar freiwillig; erlebt als Artillerieaufklärer ab August 1915 in Ostgalizien und Wolhynien die letzten Phasen der grossen deutschen und österreichischen Offensive gegen Russland mit.

Ungar ist entsetzt über die menschenverachtende Rücksichtslosigkeit beider Armeen gegen die Zivilbevölkerung, insbesondere gegen die Ostjuden, die unter dem Vorwand strategischer Notwendigkeiten Opfer antisemitischer Aggressionen wurden; nach einer schweren Verletzung im Dezember 1915 wird ihm die Silberne Tapferkeits-Medaille verliehen; in einem Lazarett in Brünn mehr schlecht als recht wiederhergestellt, wird er im Juni 1916 zurück an die Front geschickt.

Im August 1916 Befreiung vom Felddienst, versieht bis Sommer 1918 Kanzleidienste in Königgrätz, studiert daneben weiter und schreibt einen heute verschollenen Roman über seine Kriegserfahrungen; nach einem Zusammenbruch, der als «Nervenleiden» diagnostiziert wird, wird er endgültig aus dem Militärdienst entlassen, bereits im April 1918 schliesst er sein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften mit der Promotion ab

Hermann Ungar, um 1919

1918-1920 Verfolgt eine Laufbahn als Advokat in Prag, verpflichtet sich für die Spielzeit 1919/1920 als Dramaturg und Schauspieler ans Stadttheater Eger, weil ihm diese Arbeit eher vereinbar schien mit einer schriftstellerischen Tätigkeit als die Jurisprudenz, kehrt aber bald nach Prag zurück und wird Bankangestellter der deutschen Escompte-Gesellschaft für Industrie und Handel.

Er verlässt diese Ende 1920 wieder und beginnt an seinem ersten veröffentlichten Roman «Die Verstümmelten» zu schreiben, anfänglich in der Ich-Form; in derselben Zeit erscheinen unter dem Titel «Knaben und Mörder» die beiden Erzählungen «Ein Mann und eine Magd» und «Geschichte eines Mordes», begeistert besprochen u. a. von Thomas Mann und Stefan Zweig

1921 Hermann Ungar lernt in Wien einen literaturbegeisterten Mitarbeiter des tschechoslowakischen Ministerpräsidiums kennen, der ihm einen Posten in der Prager deutschen Gesandtschaft in Berlin anbietet, damit er sich ungehinderter seinem Schreiben widmen kann; Ungar machte bald diplomatische Karriere, zu seinem Aufgabengebiet gehören vor allem Zollangelegenheiten.

Margarete Weiss, Ungars spätere
Frau, um 1920.

Bekanntschaft mit dem Dichter Camill Hoffmann, dem langjährigen Presse- und Kulturattaché der Gesandtschaft, der neben Krojanker und Pinner bald zu Ungars bestem Freund wurde; Camill Hoffman führt Ungar in die literarischen Kreise Berlins ein, macht ihn u. a. bekannt mit Ernst Toller, Arnold Zweig, Josef Roth, Kurt Pinthus und Alfred Döblin, zudem trifft Ungar Freunde und Bekannte aus dem Prager Kreis wie Paul Kornfeld, Ernst Deutsch, Ernst Weiss und Egon Erwin Kisch wieder; Emil Faktor, der Chefredaktor des «Berliner Börsen-Couriers», ebenfalls aus Prag, ist vom Talent seines jungen Landsmanns überzeugt und fördert ihn; zur wichtigsten Veröffentlichung Ungars im «Börsen-Courier» wurde 1927 der Vorabdruck des Romans «Die Klasse».

1922 Nachdem Hermann Ungar den Roman «Die Verstümmelten» beendet hatte, fiel er zu Beginn des Jahres in eine schwere Erschöpfung; seit dem 1. Januar Vertragsbeamter des Aussenministeriums, wurde ihm ein Urlaub gewährt; Ungar suchte zuerst ein Sanatorium auf und entschloss sich dann zu einer ausgedehnten Italienreise; im November, nach ihrer Scheidung von Kommerzialrat Weiss, heiratet Hermann Ungar Margarete Weiss, geborene Stransky.

Ebenfalls im November erscheint im Verlag Ernst Rowohlt in Berlin die zensurierte Fassung von Ungars erstem Roman «Die Verstümmelten»; die Rezeption ist gespalten: während sich einige begeistert äussern, bezeichnet etwa Thomas Mann, zuvor ein Förderer Ungars, den Roman als ein «fürchterliches Buch, eine Sexualhölle, voll von Schmutz, Verbrechen und tiefster Melancholie – eine monomanische Verirrung eines innerlich reinen Künstlertums, von dem man hoffen darf, dass es zu einer minder einseitig-unfreien Anschauung und Gestaltung von Leben und Menschlichkeit heranreifen wird.»

1924 Der Sohn Thomas wird geboren (seinen Namen erhält er zu Ehren Thomas Manns); Ungar recherchiert für einen Dokumentarbericht («Die Ermordung des Hauptmanns Hanika») und arbeitet neben seiner diplomatischen Tätigkeit als Theater- und Literaturkritiker; er ist einer der ersten und begeisterten Leser von Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» und schreibt für die Zeitschrift «Die Welt» den Essay «Die Manuskripte des Dichters», für den ihm Mann die Handschriften der «Buddenbrooks», des «Tods in Venedig» und des «Zauberbergs» zur Verfügung stellt.

1926 Hermann Ungars jeher labiler Gesundheitszustand verschlechtert sich zusehends; gleich dreimal erkrankt er an einer leichten Blinddarmentzündung; allerdings hielten die Ärzte einen operativen Eigriff vorläufig nicht für notwendig und nahmen Ungars Krankheiten überhaupt wenig ernst, da er als Hypochonder galt und dauernd in ärztlicher Behandlung war; arbeitet an seinem Roman «Die Klasse» und veröffentlicht mehrere Novellen.

Proben für «Der rote General», um 1928. v.l.: Victor
Barnowsky, Fritz Kortner, Hermann Ungar, Erich Engel.

1927 Wendet sich dem Theater zu; wird am 13. Oktober von einem Autobus angefahren und schwer verletzt.

1928 Im Januar wird er zum 2. Legationssekretär befördert und soll per 1. Februar im Prager Aussenministerium als Benešs Ministerialkommissar arbeiten; im Mai ist Ungar soweit gesundet, dass er mit Frau und Sohn nach Prag übersiedeln kann; am 15. September wird im Berliner Theater in der Königgrätzer Strasse Ungars Revolutionsschauspiel «Der rote General» mit Fritz Kortner in der Hauptrolle uraufgeführt.

Ungar setzte sich mit dem Stück und dessen Vorausahnungen nationalsozialistischen und stalinistischen Terrors zwischen alle Stühle; die meisten Kritiker reagierten geharnischt auf den Spiegel, den er ihnen vorhielt, auf die Schilderung von Antisemitismus, Geistfeindlichkeit und Opportunismus; Ungar gerät mehr und mehr in eine existentielle Krise

1929 Ungar schreibt weiter Theaterstücke; im März wird eine Bitte um Entlassung aus dem diplomatischen Dienst von Beneš, der seinen Mitarbeiter schätzt, abgelehnt und Ungars unbezahlter Urlaub verlängert; ebenfalls im März wurde Ungars zweiter Sohn Alexander geboren; Ungar trägt sich mit der Idee zu einem grossen mährischen Roman und plant ein Filmdrehbuch für Emil Jannings; seine Komödie «Gartenlaube» wird vom Berliner Theater am Schiffbauerdamm angenommen.

Ungars Todesanzeige im
Prager Tagblatt, 30.10.1929.

Am 10. Oktober schied Ungar aus dem diplomatischen Dienst aus; sein Plan war, wieder nach Berlin zu ziehen und fortan nur noch seine schriftstellerische Arbeit zu verfolgen; am 23. Oktober wird bei Ungar ein Blinddarmdurchbruch mit Bauchfellentzündung diagnostiziert; zuvor hatte er mehrere Tage an starken Unterleibsschmerzen und Erbrechen gelitten, ohne dass ihn die Ärzte in ein Krankenhaus eingeliefert hätten; am 28. Oktober stirbt Hermann Ungar; er wurde nur sechsunddreissig Jahre alt.

Margarete und Alexander Ungar in
England, um 1942.

Ungars Frau Margarete gelang 1939 mit den beiden Söhnen die Flucht nach England; der ältere Sohn Thomas brachte es trotz mehrfach unterbrochener Ausbildung (in England musste er in einer Fabrik arbeiten) zum Flüchtlingshochkommissar der UN; Alexander, der jüngere Sohn, studierte auf Drängen des älteren Bruders zuerst Forstwirtschaft, dann Physik und Mathematik; er arbeitete später in den Boeing-Werken in Seattle als Physiker.

 

 

 

 

 

 

 

Zusammengestellt von Franziska Hirsbrunner nach der Monografie «Hermann Ungar. Leben – Werk – Wirkung» von Dieter Sudhoff; Königshausen & Neumann, Würzburg 1990

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