Maren - die Liebesgeschichte von Andri Perl
(GiniMiniGi)
1 Herzrasen, Magerwiese, Herzkäfer
Verflucht. – Verflucht, weil ich sie einfach nicht lesen kann. Kann die Speisekarte deswegen nicht lesen, weil meine Lesebrille noch auf dem Pult in der Redaktion liegt, gebettet auf einem bequemen Stapel Pendenzen, als Symbol meiner Untätigkeit diese Woche. Kann die Speisekarte natürlich auch deswegen nicht lesen, weil sie in einem verschnörkelten typografischen Frevel gesetzt ist. Nachdem ich dem Kellner andeuten muss, dass ich doch noch ein wenig auf meine Begleitung warten möchte, bevor ich eine Vorspeise bestelle, sehne ich mir Maren erst recht herbei. Wie immer ist sie verspätet. Aus der üblichen akademischen Viertelstunde, die wir uns gegenseitig zugestehen, sind schon über vierzig lange Minuten geworden.
Ich sass an der Bar beim zweiten Campari Orange und hörte Musik, die meine Freunde als Architektenjazz verhöhnen, als mich ihre Kurznachricht erreichte. „Sorry, der Zug hat Verspätung.“ Ihre Nachrichten machen mich noch jederzeit fahrig. Nicht dass mein Herz davon zu rasen begänne, doch mir kam es vor, als schlüge es im Takt der Töne, die die SMS in den Schallgängen der Radiolautsprecher galoppieren liess. Ein Galopp, in dem irgendwie noch die Pferdehufe von Kurieren weit zurückliegender Jahre mitklingen. Ich sehe sie über die Pässe hasten, über die Saumwege und Magerwiesen der Bergflanken preschen, wie sie den Hügeln der Voralpen und dem Seeufer entlang reiten und dabei Staub wirbeln, Pfützen spritzen lassen und Gefühlsinsekten aufscheuchen, Herzkäfer zum Beispiel und Bauchschmetterlinge. Und all die Eile, nur um eine kurze Botschaft auszuhändigen, die kurze Botschaft von Maren: „Sorry, der Zug hat Verspätung.“
Glücklicherweise haben wir uns ein Restaurant in Bahnhofsnähe ausgesucht. Ich spiele mit dem hölzernen Serviettenring, versuche ihn um mein Gedeck zu rollen, ohne dabei das Wein- oder Wasserglas zu berühren. Es gelingt mir nicht. Der Kellner missdeutet das Klirren als Rufzeichen an seine Adresse, weshalb ich anstandshalber einen Krug Wasser bestellen muss. Ihn zu fragen, was denn auf der Speisekarte stehe, wage ich nicht.
Wenn Maren nur endlich da wäre. Verfluchte Zierschriften, verfluchter Zug.
2 Herzwärme Wenn die Lippen schweigen, hat das Herz hundert Zungen
Verdammt. – Verdammt, weil ich schon wieder warte. Warte, weil ich unklugerweise eine Pizza bestellt habe, wozu der Ofen noch einmal aufgeheizt werden muss. Warte auf mein Essen, während Maren zufrieden vor ihrem Beefsteak Tatar sitzt, dabei Brandy und Silberzwiebeln unters Hack wühlt. Dass mich rohes Fleisch ekelt, auch wenn sie es isst, habe ich ihr noch nicht gebeichtet in den fünf Monaten, die wir uns kennen. Und wenn sie nun sogar die Ananasschnitze belustigen, die ich auf meiner Pizza wünsche, ermuntert mich das auch nicht weiter dazu, meine kulinarischen Ab-neigungen und Vorlieben zu verhandeln.
Ich lasse Maren, die sich bitter über die Bundesbahnen beklagt, von ihrer Reise berichten und bin doch einigermassen erschüttert, dass sie lieber dreimal dieselben Anschuldigungen wiederholt und danach auf das Gesindel am Bahnhof zu sprechen kommt, als dort fortzufahren, wo ich es von ihr nach unserem letzten Treffen erhoffe. Aus der peinlichen Starre, die sich nach meinem Geständnis gestern über ihre Züge legte und den ganzen Abend nicht löste, hat sie tags-über scheinbar eine Maske geschnitzt, die es ihr erlaubt, nicht darauf einzugehen, wofür ich mir so lange eine schonende Formulierung ausgedacht hatte und mich dann einfach entschied für: „Maren, ich liebe dich. Weisst du, so richtig.“ Keine Reaktion. Nur ein verlegenes Lachen ohne jede Herzwärme und ein „Och, nein.“
Damit ich mir keine Belanglosigkeiten anhören muss, bitte ich Maren nicht mehr zu zögern. Wenn die Lippen schweigen, hat das Herz hundert Zungen, sagen die Perser. Mit dem ersten Bissen aber erinnert mich Maren an Troja und an Penthesilea, wie sie sich über Achill hermacht. Ich stelle mir vor, wie sich Maren über mich hermacht, meinen Brustkorb öffnet, wie sie Brandy, Silberzwiebeln und Kapern unter meine Eingeweide mischt.
Guten Appetit wünsche ich ihr trotzdem.
3 quetschen, Bypass, für immer, Anwar, Tunnelfahrt
Eigentlich wäre mir schon wieder nach ungehaltenem Fluchen zumute. Es giesst in Strömen. Doch auf dem kurzen Weg zum Taxistand am Bahnhof kommen Maren und ich uns nahe wie noch nie heute. Als Berührungspunkt muss allerdings der Knauf ihres Regenschirms dienen. Wir schauen dem weggeschwemmten Kleinmüll in der Gosse nach und schweigen miteinander. Mittlerweile bereue ich mein Geständnis von gestern.
Vom Taxistand her winkt jemand. Ein Paar unter einem Schirm – wie wir, nur auf der andern Strassenseite. Als Spiegelung in einem unmöglichen Winkel zum Wasserfilm auf dem Asphalt. Es sind Marens Nachbarn, deren Abend hoffentlich gesprächiger verlief als unserer und die uns nun vorschlagen, das Taxi zu teilen. Maren richtet sich zielstrebig, oder soll ich sagen kontaktflüchtig, auf dem Beifahrersitz ein, während ich mich mit ihren Nachbarn auf die Rückbank quetschen darf. Ich sehe mich diesen Abend zum zweiten Mal in die Zeit von Pferdekurieren und Postkutschen zurück versetzt und frage mich, welchen Affront Marens Platznah-me neben dem Kutscher damals bedeutet hätte.
Der Fahrer meidet die Hauptverkehrsachsen, die am Wochenende auch nach Mitternacht von den Wagen der Unterhaltungstouristen aus den Schlafstädten verstopft sind, und steuert uns durch den Bypass verkehrsberuhigter Quartierstrassen auf die Stadtumfahrung. Maren, die vor mir sitzt, plaudert mit dem Taxifahrer in einer Lockerheit, die sie mir seit gestern verwehrt. Ich lege ihr die Hand auf die Schulter. Wenigstens diese Annäherung erlaubt sie. Wie wohl sind mir die Wärme ihrer Hand und ihrer Stimme. Auch wenn ihre Worte nicht an mich gerichtet sind, könnte ich ihrer für immer so lauschen hier hinten. Und dass das Autoradio an war, bemerke ich nur, weil es während einer kurzen Tunnelfahrt verstummt.
4 Herzensbrecher
Nun bin ich zu müde, um zu fluchen. Liege in Marens Bett und schaue mir die Zusammenfassungen des Spieltags an, sie duscht währenddessen. Duscht seit zwanzig Minuten bei offener Badezimmertür, damit ich ihr zu Hilfe eilen könnte, erlitte sie einen Schwächeanfall. Sie wird noch eine Weile duschen, bevor sie unverzüglich danach schlafen mögen wird. Dampfschwaden quellen ins Schlafzimmer, wie um die Horrorsequenzen zu untermalen, auf die ich zwischen den Spielberichten umschalte.
Kurz nachdem wir uns von Marens Nachbarn verabschiedet hatten, bekundete sie ihr Unwohlsein. Sie schaffte es nicht einmal mehr bis zur Wohnungstür, übergab sich im Treppenhaus. Ich habe ihr einen Kamillentee bereitet, das Beefsteak Tatar zusammengenommen und den Treppenspannteppich eingeschäumt. Erleichtert war ich, als sich Maren für den Gang ins Bad entschied, denn zu unserer schwierigen Lage nach meinen lange, aber wohl völlig umsonst lange bedachten Worten von gestern kam mit der Übelkeit noch ein physischer Grund für ihr unangenehmes Schweigen.
Das Wasser läuft noch immer, ich öffne ein Fenster, auf dass der Dampf abzieht, schalte danach nicht auf den Horrorfilm, sondern auf eine Dokumentation über die Serengeti um. Obgleich ich für meine Begriffe genug rohes Fleisch betrachtet habe heute, schaue ich einem Löwenrudel beim Gerangel um ein erbeutetes Zebra zu. Eine knarrende Off-Stimme erklärt den Lauf der Natur. Mir schiessen dieselben Bilder wie beim Nachtessen durch den Kopf: Maren als Penthesilea, die sich über mich als Achill hermacht und mein Herz als Tatar mit Essiggurken verschlingt. Was Kleist wohl dazu meinen würde. Vielleicht, dass Marens Übelkeit so die Quintessenz des Abends, die Quintessenz ihrer Reaktion auf mein Liebesgeständnis mit sich brachte: Sie hat mein Herz gebrochen.
5 Salatherzen
Verflucht. – Verflucht, weil ich nicht schlafen kann, obschon ich hundemüde bin. Liege seit zweieinhalb Stunden schon auf Marens Bett, die Ananasschnitze liegen mir auf. Vielleicht wären die Salatherzen eine bessere Wahl gewesen, aber ich wollte in diesem Moment nicht auf Empfehlungen von ihr hören, die mir doch ganz anderes zu sagen gehabt hätte. Die Jalousien sieben das Licht der Strassenlaternen zu einem Raster an der Schlafzimmerwand. Irgendwo im Dämmer des Raums schleicht seit einigen Minuten Marens Katze umher. Mit leisem Fingerschnippen, das den Spiel- oder von mir aus auch den Jagdtrieb des Tiers anregen soll, versuche ich mir wenigstens von ihm etwas Nähe und Zuneigung zu ergaunern. Jedes Mal, wenn ich meinen Arm über Maren lege, streift sie ihn grummelnd ab.
Es ist nach vier Uhr morgens und der Regen hat schon lange nachgelassen. Die Taghelle kommt früh in dieser Jahreszeit. Bald schon. Diesen Morgen wird sie mir einen Weg weisen, den nicht zurückgehen werde. Marens Schweigen war deutlich genug. Das fröhliche Hin und Wider der letzten Monate geht in die Nachspielzeit und mein unseliges Geständnis war ein übler Regelverstoss. Kein schlechtes Gewissen martert mich, wenn ich Maren schlafend zurücklasse. Kein schlechtes Gewissen. Nur Wehmut.
