Rorschach-Test durch Wikipedia entzaubert?
Eines der von Rorschach hergestellten Faltbilder. (zvg)
Von Wissenschaftsredaktor Pascal Biber
Der Rorschach-Test ist einer der berühmtesten und gleichzeitig umstrittensten psychologischen Tests. Seine Tintenklecksmuster sehen aus wie Schmetterlinge oder Fledermäuse.
Nun sind die streng gehüteten Original-Kleckse frei auf der Online-Enzyklopädie Wikipedia zugänglich, zusammen mit den häufigsten Interpretationen. Nicht zur Freude aller.
Wikipedianer vs. Rorschach-Schule
Die Fronten sind klar. Auf der einen Seite die Wikipedianer, die sich als Vorreiter des Open Source-Zeitalters sehen: Informationen sollen im Internet für alle offen zugänglich sein. Und jeder darf bei Wikipedia mitschreiben und Bilder veröffentlichen.
Auf der anderen Seite die Rorschach-Schule. Sorgsam hütet sie den Gral der zehn Tintenkleckse, seit 90 Jahren das Herzstück des Rorschach-Tests, der noch immer breit zur Anwendung kommt - insbesondere in den USA.
Rorschach-Test ist umstritten
Dabei ist kaum ein anderer Psycho-Test so umstritten wie der Rorschach-Test. Die Persönlichkeit, psychische Krankheiten, Job-Eignung und die Rückfallgefahr von Kriminellen - alles das glauben die Verfechter mit dem Rorschach-Test erfassen zu können.
Allenfalls als historisches Relikt sehen ihn die Skeptiker. Skeptiker wie Verfechtet sind ausgerüstet mit Laufmetern von einschlägiger Fachliteratur.
Tintenkleckse deuten
Das Prinzip des Tests ist einfach: Die bunten Tintenkleckse sollen Menschen zu Deutungen anregen. Und aus diesen Deutung schliesst dann der Fachmann mit einer ausgeklügelten Checkliste auf deren Persönlichkeit zurück. Die zehn Tintenkleckse des Rorschach-Tests sind immer noch dieselben wie 1921, als der Schaffhauser Psychiater Hermann Rorschach sie entwarf.
Streit um Wikipedia-Eintrag
Nun - dank Wikipedia - sind die Tintenkleckse zusammen mit den häufigsten Deutungen nicht mehr nur ausgewiesenen Psychologen und Psychiatern zugänglich, sondern der ganzen Welt. Ob das sein darf, darüber tobt auf der Online-Enzyklopädie ein Streit, der neu entflammt ist, seit die «New York Times» das Thema aufgenommen hat.
«Fiasko für die Testpsychologie»
Während der Verkäufer des Tests, der Hogrefeverlag, seine Felle davon schwimmen sieht und deshalb rechtliche Schritte angedroht hat, sehen es viele Fachleute als grundsätzliches Fiasko für die Testpsychologie. Denn die meisten Psycho-Tests brauchen eine gewisse Unvoreingenommenheit der Testpersonen.
Auch ein IQ-Test macht nur dann Sinn, wenn die richtigen Antworten nicht schon zuvor gelernt wurden. Zudem ist die Entwicklung solcher Tests eine sehr zeitaufwändige Sache. Deshalb gibt es in der Psychologie ein Test-Geheimnis.
«Bevormundung der Öffentlichkeit»
Als Bevormundung der Öffentlichkeit empfindet das der kanadische Arzt, der die Kleckse auf Wikipedia veröffentlicht hat - und zieht gar den Vergleich mit der chinesischen Internetzensur. Auch eine Mehrzahl der Wikipedianer wertet öffentliche Information höher als das Testgeheimnis.
Präzedenzfall für andere Psycho-Tests?
Damit droht dem Rorschach-Test das Ende. Und es könnte ein Präzedenzfall für andere Psycho-Tests werden. Ob damit einer sachlichen Diskussion über den Wert solcher Tests gedient ist, das ist höchst fraglich.
Die englischsprachige Wikipedia-Seite zum Beispiel ist seit geraumer Zeit für Änderungen am Eintrag über den Rorschach-Test gesperrt. Wegen «exzessivem Vandalismus» am Eintrag, wie es heisst.
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