Vom jungen Cellisten zum Revolutionär
Nikolaus Harnoncourt, aufgenommen im Februar 1993 in Zürich. (Keystone)
Es begann alles mit einem jungen Cellisten, der sich 1952 von Herbert von Karajan bei den Wiener Symphonikern anstellen liess.
Eigentlich war dieser junge Cellist adligen Geblüts und hätte sich Johann Nikolaus de la Fontaine, Graf d'Harnoncourt-Unverzagt nennen dürfen. Sein Ururgrossvater war letzter Erzherzog der Steiermark gewesen. Dieser hatte - ganz unstandesgemäss - eine Bürgerliche geheiratet. Etwas von diesem Aristokratischen einerseits und gleichzeitig Widerspenstigem andererseits findet sich auch im Leben und Wirken von Nikolaus Harnoncourt.
1953 gründet er sein eigenes Ensemble, den Concentus Musicus Wien. In diesem ist Harnoncourt zwar «nur» der Cellist, in Wirklichkeit jedoch gibt er den Ton an - Frau Alice spielt am ersten Pult, und Nikolaus stellt sich freilich gegen die meisten Konventionen, die in der zeitgenössischen Musizierpraxis damals gelten.
Empört und begeistert
Das Spiel auf alten Instrumenten ist nur der Anfang dieser Revolution. Bach, Händel, Telemann, Vivaldi müssen als erste dran glauben. Bald klingt die Musik dieser Barockmeister völlig anders als etwa bei Maestro Karajan.
Die Quellen müsse man anschauen, deklariert Harnoncourt, die alten Traktate studieren, was sie über Besetzungsgrösse und Spielweise und Emotionalität der der Musik sagen. Die eine Hälfte der Musikwelt ist empört, die andere begeistert.
Richtig hinschauen
Der Funke springt so richtig, als Harnoncourt 1975 am Zürcher Opernhaus zusammen mit Regisseur Jean-Pierre Ponnelle den Monteverdi-Zyklus beginnt und ihm 1980 den Mozart-Zyklus folgen lässt.
Danach kommen die grossen Sinfoniker des 19. Jahrhunderts dran: Immer öfter an der Spitze auch der traditionsreichen Sinfonieorchester von Amsterdam bis Berlin und Wien stehend, zeigt Harnoncourt, was man bei Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Bruckner, Verdi so alles entdecken kann. Wenn man nur richtig hinschaut.
