Buch-Tipp: Ulrike Ulrich: «fern bleiben»
Unterwegs sein, um anzukommen.
Riesengewinne im Lotto, Quiz-Shows, die mit Batzen klotzen: Überall winken grosse Summen. Mit «fern bleiben» lernen die Leser eine Preisträgerin kennen: Lo aus Dortmund, um die 30, im «Computerbereich» tätig.
Stillstand vermeiden
Die Mutter hat sie zur Sendung, deren Modus an «Wer wird Milionär» erinnert, angemeldet. Lo gewinnt und - setzt sich in den Zug, nach Rom fahren wolle sie, hat sie dem Quizmaster geantwortet, als er sie fragte, was sie mit dem vielen Geld anfangen wolle. Sie fährt. Nach München, Rom, Berlin, Paris, Madrid, Wien, Basel, Zürich Mailand, Napoli, Prag, Wien, Thessaloniki und weiter, weiter. Sie bleibt nicht, kaum einmal über Nacht, lieber setzt sie sich in den Nachtzug und fährt weiter, weiter.
Erwartung des Unerwarteten
Der Roman spielt 2005, in den Zügen wird geraucht. Sonst ist alles wie heute: Man kann sich nicht aussuchen, wer in denselben Zug steigt und ob der Sitznachbar einen anspricht, und erst die Situation im Schlafwagen: Wer kommt spät ins Abteil, schnarcht jemand, wie kann man sichergehen, dass man nicht beklaut wird? Diese dauernde Erwartung des Unerwarteten: Lo ist dem Fahrplan ausgeliefert, Verspätungen, den Launen der Schaffner, gibt es Getränke, etwas zu essen, warum hält der Zug mitten im Nirgendwo?
Ausserfahrplanmässig verlieben
Und: Ausserfahrplanmässig verliebt sich Lo in Wien in David. Was tun? Bleiben? Zugfahren: Vergnüglich, zeitreich, mühsam, überraschend, auf jeden Fall facettenreich, Facetten und Fakten wie bunte, flüchtige Schmetterlinge und Autorin Ulrike Ulrich fängt sie alle ein. Sie erfasst die Stationen, die Bahnhöfe in ihren Atmosphären, charakterisiert Lo mit kleinen, manchmal mutvollen, manchmal energielosen Taten, zeichnet in nie hastigen Sätzen Bilder von Begegnungen und schildert die teilweise langsamen Gedankengänge von Lo innerhalb der rasend schnellen Fahrt des Zuges.
Noch ist alles möglich
Lo: Eine Frau, der man fasziniert dabei zusieht, wie sie sich in die Bewegung manövriert um sich ihrer eigenen Entwicklung (noch) nicht stellen zu müssen oder wie es Ulrich treffend nennt: «Lo fühlt sich wie eine Roulettekugel. Solange sie in Bewegung ist, ist noch alles möglich».
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