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11.01.2010

Film-Tipp: Wuchtiges Gefängnisdrama

Jacques Audiards «Un Prophète» ist ein verstörendes Meisterwerk. In Cannes erhielt der ungewöhnliche Gefängnisfilm den Jurypreis. Und beim Europäischen Filmpreis wurde Hauptdarsteller Tahar Rahim als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Der Knast als Schachspiel: König César (Niels Arestrup, rechts) benutzt Malik (Tahar Rahim) als willkommenen Bauern. (Filmcoopi)

«Was mich nicht umbringt, macht mich stärker», befand der deutsche Philiosoph Friedrich Nietzsche. Der 19-jährige Malik (Tahar Rahim), ein in Frankreich aufgewachsener Araber, macht diese Erfahrung am eigenen Leib, als er zu sechs Jahren Haft verurteilt wird. Im Gefängnis wird er als Neuling sogleich instrumentalisiert. Der heimliche König der Knastbrüder, der Korse César Luciani (Niels Arestrup), verlangt von ihm, das Vertrauen des neu eingelieferten Arabers Ryad (Adel Bencherif) zu gewinnen, um diesen schliesslich zu töten. Weigert sich Malik, ist er selber ein toter Mann.

Der Mord an Ryad, den Malik geschickt als Selbstmord tarnt, wird gleich in mehrfacher Hinsicht zu einem prägenden Schlüsselerlebnis. Zum einen gewinnt Malik den Respekt der anderen Häftlinge, zum andern befolgt er den Rat seines Opfers, während der Haftstrafe lesen und schreiben zu lernen. Ja, Malik lernt noch viel mehr, zum Beispiel Korsisch. Als César es erfährt, verlangt er von ihm, niemandem etwas zu verraten, damit er seine eigenen Leute ausspionieren kann.

Überlebensrezepte
Der Regisseur Jacques Audiard erklärt: «Lernen, aufmerksam sein, Zurückhaltung üben und aufs Maul sitzen können, das sind Maliks Überlebensrezepte und die Basis für sein persönliches Weiterkommen.» Malik wächst also durch äusseren Druck über sich selbst hinaus. Innerhalb der Gefängnismauern findet er seine Identität als Mann, seinen Selbstrespekt und am Ende sogar Macht.

Audiard benutzt den Gefängnisfilm nicht, um irgendwelche Verbrechertypen zu verherrlichen, sondern um damit etwas übers menschliche Schicksal, die «condition humaine» auszusagen. Und er tut das mit solcher Verve, dass man sich der Wucht seines Films gar nicht entziehen kann. Gleichzeitig hinterfragt Audiard unseren Strafvollzug, denn immerhin zeigt er einen jungen Mann, der seine kriminelle Energie erst im Gefängnis richtig kanalisieren und einsetzen lernt. Von Abschreckungswirkung oder Wiedereingliederung in die Gesellschaft kann keine Rede sein.

Innere Freiheit
Der Filmtitel «Un Prophète» bezieht sich übrigens auf Träume und Vorahnungen, die Malik so etwas wie eine prophetische Gabe verleihen. Eine Gabe, die er nach seinem Mord an Ryad erhält. Insofern unterwandert der Film auch die gängige Moralvorstellung von Schuld und Sühne. Malik kam wegen Tätlichkeiten gegen Polizisten ins Gefängnis, wegen seines Mordes wird er jedoch nie zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil, er wird noch belohnt dafür. Ein deutlicher Kommentar zur idyllischen Vorstellung, Gefängnisse könnten aus Kriminellen bessere Menschen machen.

«Un Prophète» wirkt so verstörend, weil der Film einerseits das Gefängnismilieu hautnah, ja fast dokumentarisch schildert, anderseits aber einen Protagonisten bietet, der als «prophète» über die Realität hinaus verweist, einen «Helden», der hinter Gefängnismauern seine innere Freiheit findet. Aussen zeigt sich das darin, dass er Freigang erhält. Die Gefängnisleitung glaubt, er gehe draussen einer ehrlichen Arbeit nach. Der Zuschauer bekommt etwas anderes zu sehen. Glauben und Wissen. Um diese zwei Pole dreht sich dieser Ausnahmefilm.

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Die ausführliche Filmkritik zu «Un Prophète»
Hören (3:10)

Französischer Trailer mit englischen Untertiteln



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DRS 3-Filmredaktor Reto Baer kennt die neusten Filme genauso gut wie die Klassiker und erklärt jeden Montag und Samstag jeweils nachmittags, welche Streifen einen Gang ins Kino lohnen.

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