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  • Eugen Drewermann - der katholische Querdenker:
  • Zurück zum Dossier «Eugen Drewermann - der katholische Querdenker»

Fromm und frei - Hansjörg Schultz über Drewermann

Hansjörg Schultz.

Vor fünf Jahren, zu seinem 65. Geburtstag, machte sich Eugen Drewermann ein besonderes Geschenk: Er trat aus der römisch-katholischen Kirche aus. «Ich stehe in der Kirche gegen die Kirche,» war davor Drewermanns Credo gewesen, mit dem er zu einem der weltweit bekanntesten Kirchenkritiker geworden war.

Verteidiger der Kirche
In seinem Denken und in seinem Glauben aber hatte er sich schon lange, schon in der Zeit, da er sein Priesteramt noch ausüben durfte, losgesagt von den Dogmen der katholischen Kirche, freigeredet von allem, was institutionell in Stein gemeisselt scheint. So ist mit den Jahren aus dem vermeintlichen Ankläger gegen die Kirche ein eigentlicher Verteidiger geworden – Eugen Drewermann verteidigt stets das Individuelle gegen das Normierte.

In weit über 70 Büchern mit einer Millionenauflage und mit seiner unermüdlichen Vortragstätigkeit setzt sich Drewermann für den einzelnen Menschen ein, der in einer rundum verzweckten Welt nach zweckfreien Räumen sucht. Er will uns helfen, jenseits der verordneten Sinnhaftigkeit selber den Sinn unserer Existenz zu entdecken. Und dafür steckt der Theologe und Psychotherapeut den Rahmen sehr weit, beschäftigt sich intensiv auch mit den modernen Naturwissenschaften und kann so pendeln zwischen wissenschaftlicher Reflexion und religiöser Poesie.

Dass er trotz seiner grossen Popularität immer ein Einzelgänger blieb, nie einer wurde, der schulbildend wirkt oder Jünger hinter sich schart, das hängt sicher auch mit Drewermanns anspruchsvoller Intellektualität zusammen. Sein immens breit gefächertes Wissen und eine bisweilen schon unheimlich erscheinende rhetorische Virtuosität sind die Handwerkszeuge dieses intellektuellen Mystikers.

Unheimlicher Prediger
Auch in Disputen wirkt Drewermanns Rhetorik stets sehr beherrscht – wenn auch die Körpersprache höchste Erregung signalisiert –, er argumentiert teilweise sehr scharf und weicht nicht zurück. Zudem vereint er die Fähigkeiten des Predigers mit dem doppelten Einblick in Seelsorge und Psychotherapie, eine gleichfalls bisweilen etwas unheimliche Mischung.

Letztlich bekannt geworden im deutschsprachigen Raum aber ist Drewermann durch seinen öffentlich ausgetragenen Konflikt mit der Amtskirche. Man kannte in Theologen- und Psychoanalytiker-Kreisen den eigenwilligen Autor von Büchern wie «Strukturen des Bösen» oder «Tiefenpsychologie und Exegese», aber in einer Mediengesellschaft wie der unseren wird man erst öffentlich bekannt durch Etiketten wie «Kirchenrebell» – ein Etikett, das sich Drewermann nie selber aufgeklebt hätte.

Wegen Drewermanns im Sinne des Individuums weitgestecktem Begriff von Christ-Sein wurden ihm 1991 vom Erzbischof von Paderborn die kirchliche Lehrbefugnis und das Priesteramt entzogen, so dass sich der begabte Prediger zwangsläufig neue Foren suchen musste. Für seine Verlage und seine Fans war der Akt des Erzbischofs mithin eine glückliche Fügung.

Religion und Psychoanalyse
«Gott ist weitaus grösser als die Kirche», hatte Drewermann seinen Rausschmiss kommentiert. Und entsprechend befreit erweitere er sein Betätigungsfeld. Ausgehend von der Theologie war Eugen Drewermann schon sehr früh zur Psychoanalyse gekommen. Er hat die Werke von Sigmund Freud genauso verinnerlicht wie die Bücher Dostojewskis, aus denen er seitenweise auswendig zitieren kann.

Drewermann begann die Bibel tiefenpsychologisch zu deuten und entwickelte für sich ein Jesus-Bild, das Jesus als den Inbegriff des Helfenden und Heilenden sieht und den Menschen nicht in seiner Schuld verurteilt. Die Beschäftigung mit C.G. Jung schliesslich führte Drewermann auf die Spur der Mythen und Märchen, so dass er die tiefenpsychologische Methode der Exegese sogar auf etliche der Grimm‘ schen Volksmärchen anwandte.

Bei Jesus abgeschaut
Über all seine Brüche, Krisen und Neuausrichtungen hinweg ist die Person Jesu stets für ihn bestimmend geblieben, eine im Wandel der Zeiten fortwährende Herausforderung. «Jesus will uns nicht die Hölle lehren, aber er will uns mit allen Mitteln die Angst austreiben», schrieb Drewermann. Und sein Werkzeug, die Sprache, zeugt davon, dass Drewermann das ernst nimmt. Er spricht eine Sprache der Angstlosigkeit, undiplomatisch, von bisweilen erschreckender Klarheit. Das gilt vor allem für seinen Einsatz für einen radikalen Pazifismus, wie ihn Drewermann auch bei Jesus abgeschaut hat.

Geboren am 20. Juni 1940 hat Eugen Drewermann die letzten Jahre des 2. Weltkrieges durch die Ängste der Erwachsenen mitbekommen, er begann mit 14 Jahren die pazifistischen Schriften Albert Schweitzers zu lesen und verfasste 1981 eine noch heute höchst aktuelle Grundlagenschrift mit dem Titel:«Der Krieg und das Christentum».

Reden gegen den Krieg
«Es gibt kein zurück in den Alltag, solange es Kriege gibt», ist ein Tenor seiner vielen «Reden gegen den Krieg», die Eugen Drewermann seit dem Golfkrieg von 1991 immer wieder gehalten hat. Wann immer Politikerinnen und Politiker, egal welcher Parteifärbung, Kriege rechtfertigten wie jene in den 1990-er Jahren in Ex-Jugoslawien oder gegen den Irak oder seit bald neun Jahren in Afghanistan – in Eugen Drewermann hatten sie einen unerbittlichen rhetorischen Kontrahenten.

Mit dem Mittel des Bösen für das scheinbar Gute kämpfen zu wollen, das ist für ihn ganz und gar unjesuanisch. «Ein Ja zum Krieg, mit welchen Gründen auch immer, ist ein Nein zu allem, was menschlich wertvoll und schützenswert ist. Es gibt keine Tage mehr, es gibt keine Nächte mehr, es gibt keine Sonne und es gibt keinen Mond – solange Krieg ist, gibt es nur Grauen und Gräber und das Grinsen der Fratze des Todes.»

Wider das Oben und Unten
Eugen Drewermanns Pazifismus ist ein wesentlicher Antrieb für den Priester, den Schriftsteller und den Therapeuten. Er ist und war ein unkonventioneller Theologe und ist ein unkonventioneller politischer Aktivist. Und seine Art des christlichen Denkens ist eine, die die Welt nicht hierarchisiert, die den Unterschied zwischen oben und unten relativiert und damit die Welt in ihrer Offenheit annimmt.

Mit dieser Denk- und Lebensmischung ist Eugen Drewermann mittlerweile der meistgelesene Theologe in Europa. Warum, das mag sich den Leserinnen und Lesern erschliessen, die das Geburtstagsgeschenk erwerben, das sich Eugen Drewermann zum 70. geschenkt hat. Es heisst «Woran ich glaube» und ist soeben im Patmos-Verlag erschienen.

Hansjörg Schultz, Redaktionsleiter Religion

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