Frankreich im Streik gegen Rentenreform
Diese Streikenden in Marseille wollen nicht bis 62 arbeiten. (Reuters)
Proteste gegen die Rentenreform in Frankreich
Mit Streiks und Demonstrationen haben bis zu zwei Millionen Franzosen und Französinnen gegen die geplante Erhöhung des Rentenalters auf 62 protestiert. Tausende Mitarbeiter von Bahn- und Nahverkehrsbetrieben liessen im morgendlichen Berufsverkehr die Arbeit ruhen. Sie wurden durch die Gewerkschaften zum Streik aufgerufen. Es gab rund 200 Kundgebungen im ganzen Land.
Proteste in ganz Frankreich
Die grösste Kundgebung begann am Nachmittag in Paris. «Rührt meine Rente nicht an», hiess eine der Parolen der Teilnehmer.
Am Vormittag beteiligten sich laut Gewerkschaften schon mehr als 120'000 Menschen an einer Kundgebung in Marseille, dies sind 40'000 mehr als beim letzten Protesttag.
Knapp die Hälfte der Bahnangestellten streiken
Fast ein Drittel der Grundschullehrer streikte landesweit, bei den Pariser Verkehrsbetrieben und bei der Post legte ein Fünftel der Belegschaft die Arbeit nieder. Bei der Staatsbahn SNCF protestierten 40 Prozent der Mitarbeitenden. Es war dort die höchste Beteiligung an einem Streiktag seit den Protesten gegen die Rentenreform von 2003.
Flüge gestrichen
Nach Angaben der SBB fielen auch mehrere TGV-Verbindungen nach Genf, Lausanne und Bern aus. Betroffen waren auch Züge zwischen Basel, Strassburg und Brüssel. Nicht tangiert war der TGV «Lyria» von Basel und Zürich nach Paris und zurück.
Der Streik hatte auch Auswirkungen auf den Flugverkehr zwischen der Schweiz und Frankreich. So mussten in Genf-Cointrin nach Angaben der Flughafenbetreiber 27 Flüge gestrichen werden. Auch am EuroAiport in Basel und am Flughafen Zürich wurden einzelne Verbindungen annulliert.
Sarkozys Treffen mit Fussballer Henry in der Kritik
Vom Streik betroffen waren in Frankreich auch Radio- und Fernsehsender, mehrere Zeitungen erschienen nicht. Er sei «sicher», dass bis zum Abend «zwischen ein und zwei Millionen» Menschen an den Protesten teilnehmen würden, sagte der Generalsekretär von Frankreichs mitgliederstärkster Gewerkschaft CFDT, François Chérèque.
Er forderte Präsident Nicolas Sarkozy auf, sich besser um das Problem der Rentenreform zu kümmern statt «um den Seelenzustand eines Fussballers». Er spielte damit darauf an, dass Sarkozy nach dem WM-Debakel der französischen Nationalelf am Donnerstag den Stürmer Thierry Henry im Elyséepalast empfing.
Rentenalter 62 erhitzt die Gemüter
Die konservative Regierung von Sarkozy hatte kürzlich bekannt gegeben, dass das Renteneintrittsalter von 60 auf 62 Jahre erhöht werden soll. Dies ist im europäischen Vergleich immer noch eine grosszügige Regelung.
Reform soll Haushalt sanieren
Mit der Reform will Sarkozy den Kollaps des französischen Rentensystems verhindern und damit auch zur Haushaltssanierung beitragen. Dies nicht zuletzt, um die Märkte zu überzeugen, dass Frankreich sein Defizit und seine Verschuldung in den Griff bekommt. Andernfalls droht dem Land Experten zufolge der Verlust seines AAA-Ratings als Top-Schuldner.
Demonstrationen nur kleiner Vorgeschmack
Quer durch Frankreich lag bis zum Nachmittag die Beteiligung an Kundgebungen höher als beim letzten Protesttag am 27. Mai. Damals waren laut Gewerkschaften eine Million Menschen auf die Strasse gegangen, der Polizei zufolge waren es 395'000 gewesen.
Die Gewerkschaften bezeichneten die Streiks als kleinen Vorgeschmack auf die geplanten Proteste im September, wenn die Reform dem Parlament vorgelegt werden soll. (rend, sda/afp/dpa)
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