(Reuters)
Krieg gegen Terror und Taliban
Als die Taliban 1995 von Pakistan her in Afghanistan einmarschierten und dem Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Stämmen und Warlords ein Ende bereiteten, wurden sie vom afghanischen Volk zunächst als Befreier willkommen geheissen.
Schnell aber stellten sich die «Koranschüler» als Unterdrücker heraus, die rücksichtslos einen extremen Islamismus durchsetzten. Die Taliban verboten Fernsehen, Musik sowie Sport und grenzten die Frauen systematisch vom öffentlichen Leben aus.
Zudem wurde ihr Regime bei den anderen Bevölkerungsgruppen bald als eine Vorherrschaft der Paschtunen aufgefasst. Das hängt damit zusammen, dass die Mehrheit der Taliban in Pakistan unter paschtunischen Flüchtlingen aus dem Süden Afghanistans rekrutiert wurden.
Krieg gegen den Terror
Unter den Taliban wurde Afghanistan Ende der 1990er Jahre zu einer Hochburg radikaler Islamisten. Von hier aus wollten diese ihre politischen Vorstellungen in die Welt tragen, auch mit Gewalt. In Trainingscamps wurden Anhänger aus den verschiedensten Ländern für den heiligen Krieg ausgebildet.
Durch die blutigen Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 gerieten die Taliban in Konflikt mit den USA. Washington machte den saudischen Extremisten Osama Bin Laden und sein Terrornetzwerk al-Qaida für die Anschläge in Afrika verantwortlich. Weil diese ihre Basis in Afghanistan hatten, verhängte die Uno im Januar 2001 Sanktionen gegen das Land am Hindukusch.
Amerikanische Offensive nach 9/11
Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington vom 11. September 2001 setzten die USA auf eine sofortige Lösung des Problems. Eine breit abgestützte Antiterrorallianz startete bereits im Oktober ihre Offensive. US-amerikanische und britische Flugzeuge bombardierten Zentren der Taliban und der al-Qaida von Bin Laden in Afghanistan.
Auf dem Boden war die Offensive der so genannten Nordallianz entscheidend, eine Gruppierung von nordafghanischen Mujahedin, die sich der Herrschaft der Taliban nie unterworfen hatten. Bis im Dezember 2001 waren die Taliban aus dem grössten Teil des Landes verdrängt. Anfang 2002 überführten die USA hunderte gefangene Taliban und al-Qaida-Leute in ein spezielles Gefangenenlager nach Guantánamo auf Kuba.
Neuanfang und Wiederaufbau
Mit einem diplomatischen Kraftakt versuchte die internationale Gemeinschaft zu verhindern, dass Afghanistan in einen Bürgerkrieg zwischen verfeindeten Mujahedin-Gruppen bzw. regionalen Warlords zurückfällt. Was nach dem Abzug der sowjetischen Besatzer geschehen war, sollte sich nicht wiederholen.
An einer Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn im Dezember 2001 wurde ein Ausgleich vermittelt zwischen der weniger konservativen, mehrheitlich tadschikischen Nordallianz und den sehr konservativen paschtunischen Stämmen im Süden. Der Paschtune Hamid Karzai wurde zum Übergangspräsidenten bestimmt, der Nordallianz wurden wichtige Ministerien zugesprochen.
In der Übergangszeit arbeitete die Loya Jirga, eine traditionelle Versammlung der afghanischen Stämme, eine neue Verfassung aus. Darin wurde viel Wert auf die islamische Tradition des Landes gelegt. Gestützt auf die neue Verfassung bestätigte die Bevölkerung Afghanistans Karzai Ende 2004 in der ersten Direktwahl als Präsidenten und wählte ein Jahr später ein neues Parlament.
Mangelnde Stabilität und wieder erstarkende Taliban
Obwohl der Fahrplan der Petersberger Afghanistan-Konferenz eingehalten wurde, beruhigte sich die Lage nicht wirklich. Die Isaf, die Internationale Sicherheitstruppe, war zu Beginn nur in der Hauptstadt Kabul im Einsatz. Allmählich musste sie ihre Einsätze aber auf immer weitere Gebiete ausdehnen und ihren Bestand auf mehrere zehntausend Soldaten aufstocken.
Trotz der internationalen Präsenz in Afghanistan häuften sich in den vergangenen Jahren die Probleme. Der Wiederaufbau kam nur schleppend voran, in vielen Gebieten des weitläufigen Landes erlitt er sogar Rückschläge.
Die Macht der Zentralregierung ist ausserhalb von Kabul sehr beschränkt. Das Vertrauen der Bevölkerung in eine Stabilisierung ist angeschlagen. Zum einen weil in den Behörden viel Korruption herrscht, zum andern, weil der Terror der Taliban die Leute verschreckt.
Taliban weiten Einflussgebiet wieder aus
Die zahlreichen einheimischen Soldaten und Polizisten, die von den internationalen Truppen ausgebildet wurden, konnten die Taliban nicht daran hindern, ihr Einflussgebiet kontinuierlich auszuweiten. Nicht zuletzt setzen die Extremisten auf die Aufsehen erregende Taktik der Selbstmordanschläge nach irakischem Vorbild.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass bei Angriffen amerikanischer Truppen auf Taliban-Ziele immer wieder auch Zivilisten ums Leben kommen. Bei vielen Afghaninnen und Afghanen haben die internationalen Soldaten deshalb wenig Sympathie.
Wiederholt hat die afghanische Regierung Pakistan beschuldigt, es hindere die Taliban nicht entschieden genug an Operationen von pakistanischem Boden aus. Auch wird dem pakistanischen Geheimdienst vorgeworfen, er habe immer noch Beziehungen zu den Taliban. So ist die instabile Lage in Pakistan und das dortige Erstarken radikaler Islamisten eng mit dem Afghanistan-Konflikt verbunden. (wuec)
Mehr zum Stichwort:
